Donnerstag, 10. Oktober 2019

St. Trudpert in Münstertal: Ein Ire im Schwarzwald




Zu den bekanntesten unbekannten Wallfahrtsorten im Schwarzwald gehört das Kloster St. Trudpert in Münstertal, das sich gut 27km von Freiburg im Breisgau entfernt hinter dem Winzerort Staufen befindet und über die dortige Straße in Richtung Schwarzwaldhochstraße führt. Seinen Wohlstand verdankte das Kloster neben diversen Silberminen auch einem von weit her gekommenen geheimnisvollen Eremiten aus der Merowingerzeit:
Den um 607 verstorbenen heiligen Einsiedler und Martyrer Trudpert.




Über seine Herkunft ist wenig bekannt. Der älteste erhaltene Bericht über ihn, die Passio Sancti Thrudberti Martyris (St. Galler codex 577) geht schriftlich vermutlich bis ins 9. Jahrhundert, ungefähr 200 Jahre nach dem Tod des heiligen Trudpert, zurück. Nach der damals wahrscheinlich dafür existierenden älteren mündlichen Überlieferung heißt es von ihm, dass er von adliger Herkunft war und entweder aus Irland oder Schottland stammte. Modernere Forscher vermuten dagegen eine fränkische Herkunft; seine irische Abstammung könnte man auf eine Mitgliedschaft von damals umherziehenden Wandermönchen nach irischer Regel zurückführen, zu denen man auch die Heiligen Columban und Gallus zählt und die damals im Merowingerreich keine Seltenheit waren, besonders wenn damit Missionsreisen in heidnische Gebiete verbunden waren. Aufgrund fehlender Quellen muss das jedoch offen bleiben.

Wie die Familie der heiligen Walburga unternahm er eine Pilgerreiche nach Rom, wo er durch eine Erscheinung dazu berufen wurde, nach Alemannien zu ziehen und sich dort niederzulassen. Er zog daher den Rhein entlang und begab sich in den weit gehend christianisierten Schwarzwald, wo er bei einem edler Lehensherrn namens Otbert (vermutlich ein fränkischer Adeliger aus dem Elsass mit alemannischen Besitzungen) um die Erlaubnis bat, sich dort niederzulassen und eine Kirche bauen zu dürfen, worauf der von dem Plan begeisterte Otbert seine volle Unterstützung zusagte. Auch diese Stelle beleibt bis heute für Interpretationen offen: Bestritten wird in neuerer Zeit, dass es sich um eine komplette Klosterkirche gehandelt haben soll; dagegen könnte es vielleicht sich um eine sogenannte Cella als Niederlassung für eine oder mehrere Personen gehandelt haben (wie in Radolfzell) oder eine befestigte Kirche als Missionsstützpunkt oder -durchgangspunkt für weitere aus dem Frankenreich kommende Missionare. Dass dieser Ort tatsächlich größere verwaltungstechische und damit auch bauliche Bedeutung gehabt haben könnte, zeigt der Fund eines ehemals reich verzierten Bronzeschlüssels aus der Merowingerzeit (siehe dritte Seite) auf einem Hofgut bei Münstertal.



Unter diesen Umständen geschah dann auch sein Martyrium. Otbert gab ihm zuvor Jäger mit, mit denen sich Trudpert eine geeignete Stelle für seine eigene Eremitage suchen sollte. Diese Begleiter versuchten ihn jedoch von solchen geeigneten Orten wegzuführen, was ihnen jedoch nicht gelang; vermutlich wollten sie selbst diese Stellen nutzen, vielleicht auch dem fremden Einsiedler möglichst weit wegzuführen oder vergraulen. Auf jeden Fall gab es schon von Anfang an Schwierigkeiten. Vielleicht spielten Konflikte zwischen der alemannischen Bevölkerung und den fränkischen Herren eine Rolle, die plötzlich durch den Fremden, der von einem unliebsamen Herren bevorzug wurde, neu aufflammte.

Bald schon begannen die schweren Rodungsarbeiten, zu denen Otbert ebenfalls Leute aus seinem Verwaltungsbereich schickte, an denen Trudpert aber auch selbst aktiv teilnahm. Es kam aber wiederum zu Streitigkeiten: Die Arbeiten kamen nicht mit den kargen Mahlzeiten des Einsiedlers klar, die er ihnen gab. Sie hätten beinahe die Arbeit komplett niedergelegt, wenn er ihnen nicht ein nachhaltigeres Mittagessen versprochen hätte. Neben lokalen Gereiztheiten kamen also noch persönliche Verständigungsschwierigkeiten hinzu, die Trudpert versuchte zu lösen, wenn sie ihm plötzlich klar wurden.

Schließlich kam es um das Jahr 607 zum Mord: Trudpert hatte einen schlechtgelaunten Arbeiter etwas schroff zurechtgewiesen, worauf sich dieser mit einen anderen zusammentat, um den Fremdling zu beseitigen. Während Trudpert sich zur Pause in seiner Einsiedelei zum Schlafen hinlegte, schlug ihm einer der beiden aus Rache mit einer Axt den Schädel ein, ohne dass Trudpert etwas davon mitbekam.

Dass diese Tat nicht aus plötzlichem Affekt geschah, zeigt die Überlieferung, dass beide versuchten, durch den Schwarzwald in den Osten zu gelangen, wo alemannische Gebiete ohne fränkische Herrschaft existiert haben sollen. Die Tat holte sie jedoch bald ein: Sie verliefen sich auf ungeklärte Weise mehrmals und gelangten zu ihrem Schrecken immer wieder zum Ort des Verbrechens zurück. Beide wurden schließlich von anderen Arbeitern gesichtet und gefangen genommen. Bei der Auslieferung stürzte sich einer der beiden gefesselt in das Schwert seines Bewachers, der Haupttäter wurde gehängt. Trudpert wurde auf Otberts Anweisung in einen steinernen Sarkophag bei der Einsiedelei beigesetzt, die Kirche wurde notdürftig von Otbert als Oratorium fertiggestellt. Von Trudperts Heiligkeit war er durch dessen vorbildlichen Lebenswandel und Mühen um die Verbreitung und Festigung des Glaubens überzeugt, zweifelte aber immer wieder. Da soll ihm Trudpert nach längerer Zeit erschienen sein, um eine Umbettung von ihn zu fordern: Denn in seinen Sarkophag drang Wasser ein. Otbert ließ das Grab öffnen: Doch statt einer von Wasser aufgesogenen Leiche fand man Trudpert noch unverwest vor, was für alle ein Beweis dafür war, dass er nun ein Fürsprecher bei Gott dem Herrn war.

Heute befindet sich an der Stelle, wo der Sarkophag geöffnet wurde, eine eigene Kapelle mit einer wunderbar erhaltenen barocken Einrichtung, die sogar Illusionsmalereien auf den Türen beim Altar enthält mit Szenen aus dem Leben Trudperts: Der Romfahrt und seiner Vorstellung beim Edlen Otbert. Unter der Kapelle befindet sich ein Brunnen mit einer barocken Darstellung des Trudpertgrabes. Ob sich dahinter noch Stücke des alten Sarkophages befinden ist nicht bekannt.



Auch nach Otberts Tod wurde das Grundstück um das Oratorium frei gelassen, was bei seinen Erben zum Streit führte. Im Jahre 634 wurde das Grab vom Bischof von Konstanz noch einmal geöffnet, wobei man Trudpert noch einmal unverwest vorfand. 639 weihte Bischof Martin von Konstanz die Kirche, die dem Heiligen Petrus und Paulus geweiht war, seit dem Jahre 815 bis zur Säkularisation 1806 betreuten Benediktinermönche die Wallfahrtsstätte und das von ihnen dort errichtete Kloster. 901 wurden die Reliquien (von einem unverwesten Leichnam wird nicht mehr berichtet) erhoben, womit sein Kult offiziell anerkannt wurde. Teile der Reliquien gelangten nach ins Benediktinerkloster Ettenheimmünster und Konstanz, wo sie jedoch während der Reformation vernichtet wurden. 1192 begann die offizielle Wallfahrten.




Die Klosteranlage wurde auch mehrmals zerstört und verändert wiederaufgebaut. 911 geschah dies durch den Einfall der Ungarn in das Ostfränkische Reich, was einen Schutzwall nötig machte. 1346 wurde die benachbarte Bergbaustadt Münster aus Konkurrenzneid durch die Freiburger komplett zerstört, mit der Erschöpfung der Silberminen geht damit auch der Niedergang des ehemals bedeutenden  Klosters einher. 1518 und 1525 kam es zu Plünderungen und Schäden durch den Bauernkrieg, die erst 1578 komplett behoben werden konnten; 1632 zum Überfall durch die Schweden, die das gesamte Kloster bis auf die Grundmauern zerstörten. Der Wiederaufbau war weitgehend erst hundert Jahre später durch die Kirchweihe abgeschlossen, wobei Teile des 1456 errichteten gotischen Chores und innere Bruchstücke der alten Klostergebäude bis heute als Zeugnisse des zerstörten Baus zu sehen sind. 1806 wurde das Kloster säkularisiert und vom badischen Geheimrad Freiherr Konrad von Andlaw erworben und als "Schloss St. Trudpert" weitergeführt wurde, während man die Klosterkirche als Pfarrkirche weiternutzte. Ein wertvolles Vortragekreuz mit einem Kreuzespartikel wurde auf lautstarke Bitte der Bevölkerung nicht von den Behörden beschlagnahmt, während ein anderes wertvolles Reliquienkreuz an die Eremitage nach St. Petersburg verkauft wurde.


Freiherr Friedrich von Mentzingen, ein Nachfahre des Geheimrates, verkaufte die Anlage schließlich 1918 an die Kongregation der Schwestern des Heiligen Josef von Saint Marc, die das Kloster wiederbelebten. 1965 wurde die neue Klosterkirche geweiht (Verzögerungen durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten 1929), 1970 wurde St. Trudpert Sitz des Generalmutterhauses der Josefsschwestern, von wo aus auch das 1929 gegründete und 2015 aufgelöste Klinikum St. Trudpert in Pforzheim geleitet wurde.

Das Kloster St. Trudpert in Münstertal ist auch der Sitz der Erzbruderschaft vom Tod des hl. Josef, die 1913 durch Papst Pius X. gegründet wurde und in der Laien für die Menschen beten, die bald sterben werden. Es wird kein Mitgliederbeitrag verlangt.

Die große Prozession um das Kloster und die Grabkapelle findet am Sonntag nach dem 26. April statt, dem Trudpertsfest. Vor den josephinischen "Reformen" gab es gleich mehrere solcher Prozessionen zu Ehren des Heiligen Trudpert im Jahr. Die damals noch in einem Steinsarkophag ruhenden Gebeine Trudperts werden seit 1714 in einem barocken Schrein verwahrt, der heute in einem für die Öffentlichkeit unzugänglichen Tresor aufbewahrt und nur zur großen Prozession freigegeben wird. Bei schlechtem Wetter - wenn die Prozession ausfallen muss - werden die Reliquien im Inneren der Kirche ausgestellt. Im Eintrag der Acta Sanctorum aus der Zeit vor der vollständigen Zerstörung durch die Schweden wird von mehrere alten Prozessionsbildern berichtet, die das Martyrium des Heiligen zeigten.



In Straßburg tauchte seine Vita im 12. Jahrhundert in Form einer Art gekürzten Brevierversion auf; auch in Salzburg tauchte in Messverzeihnissen sein Name auf, weil der mit ihm in der Legende erwähnte Bruder Ruopert missverständlicherweise als der spätere Rupert von Salzburg (der ungefähr hundert Jahre später lebte) gedeutet wurde. Auch eine Verwandtschaft mit der im Breisgau verehrten hl. Erentrudis von Salzburg - die Nichte des hl. Rupert von Salzburg - wurde ihm vom Volk nachgesagt, das sie einmal als seine Schwester, mal als die Nichte der beiden Brüder bezeichnete. Im Verzeichnis der Österreichischen Heiligen wurde Trudpert nicht nur deswegen erwähnt, weil die damalige Gegend nicht nur zusammen mit Freiburg im Breisgau zu Vorderösterreich gehörte, sondern weil man seinen fränkischen Lehens- und Schutzherren Otbert für einen direkten Ahnen des Hauses Habsburg hielt.

Über die damaligen Ausmaße der Pilgerbesuche berichten die Bollandisten in den Acta Santorum, wo einige Wunder genannt werden, die sich um dem Grab von Trudpert ereigneten. Diese Einträge stammen noch aus der Zeit vor der Zerstörung des Klosters durch die Schweden und stellen somit ein wertvolles historisches Zeugnis dar, das nun auch jedem (der Latein lesen kann) über das Internet frei zugänglich ist.



Eine Aufzeichnung berichtet von einer Mutter, deren gelähmtes Kind während des Gottesdienstes geheilt wurde, eine andere von einem erfolgreichen Exorzismus durch die Fürsprache der Muttergottes und des hl. Trudperts. Einem Dominikanermönch aus Westfalen mit dem Namen Cunradus de Corbeia, dessen Augen rapide schlechter wurden und der von seinem Orden nach Freiburg gesendet wurde, erschien bei seiner Übernachtung in Sulzburg der hl. Trudpert als Pilger gekleidet und wies ihn an, zum Kloster in Münstertal zu gehen. Dort erlangte er beim Grabmal des Trudpert seine volle Sehkraft zurück.

Am Rande werden auch von Heilungen von Epileptikern, Blinden, Besessenen und Leprakranken erwähnt. Letzterer Bericht lässt auf ein größeres Wasserbecken beim heute eher kleinformatig angelegten Brunnen schließen. Ein Leprakranker wusch sich mit dem Wasser zunächst seine Hand, die sofort heil wurde. Nachdem dies auch mit seinem Arm passierte, riss er sich die Kleider vom Leib und stieg "wie Naaman" nackt in das Wasser. Solche Becken bestanden im bis zur Neuzeit auch bei der Wallfahrtskirche Ettenheimmünster, wo ebenfalls die Quellbrunnen in der Barockzeit erheblich verkleinert wurden.

Das Wasser, mit dem sich Menschen damals sogar die Augen wuschen, ist heute aufgrund von nahen Gülleausfahrten nicht mehr trinkbar. Außer wenn man unbedingt starke Magenkrämpfe bekommen möchte.


Du setztest, Herr, auf sein Haupt eine Krone von kostbarem Stein. 
Leben erbat er von Dir, und Du gewährtest es ihm. 
Psalm 20, 4-5; Offertorium 4. Messformular für Martyrer, die keine Bischöfe waren




Zu empfehlende Lektüren, die als Quelle dienten: 
- Hermann Bromer (Hrsg.): Wallfahrten im Erzbistum Freiburg. Verlag Schnell & Steiner, 1990. ISBN: 978-3-7954-0850-3. Da das Buch inzwischen vergriffen ist, wird eine Bestellung bzw. Anfrage in Antiquariaten oder auf Amazon empfohlen.
- Die Acta Sanctorum der Bollandisten-Gesellschaft (siehe 26. April,  Seite 462-478; die Wunderberichte beginnen ab Seite 473 und 475)
- Bericht im Magazin-Jahresausgabe "Schauinsland" von 1976: Willi Werth: "Zum realen Kern der Passio Thrudberti im St. Galler codex 577". Der Bericht über den gefundenen Merowinger-Schlüssel befindet sich auf der dritten Seite.


Freitag, 4. Oktober 2019

Dienstag, 1. Oktober 2019

Renaissance des Erzengels Michael




Während man in Deutschland gerne einen Bogen um den ehemals beliebten Patron der Deutschen (in neuere Zeit institutionell durch den Heiligen Bonifatius verdrängt), den Heiligen Erzengel Michael macht, findet unter anderem im angelsächsischen Sprachraum eine regelrechte Renaissance statt.

[…] Neuerdings hat St. Michael eine Art Comeback. Einige Diözesen und viele Pfarreien ordnen nun die Rezitation des Michealsgebetes von Papst Leo XIII. nach der Heiligen Messe an:

Heiliger Erzengel Michael, steh uns bei im Kampfe.
Gegen die Nachstellungen und Bosheiten des Teufels sei Du unser Schutz.
Gebiete ihm, Gott, so bitten wir flehentlich.
Du aber, Fürst der Himmlischen Heerscharen, stoße den Satan und die anderen bösen Geister, welche zum Verderben der Seelen in der Welt umherziehen, durch die Kraft Gottes in die Hölle.
Amen.

Rechtsanwälte, Wissenschaftler, Politiker, Landwirte, Arbeiter, alle Schichten der Bevölkerung sagen inniglich dieses Gebet auf - ein Gebet, dass ihnen vor zwanzig Jahren nicht über die Lippen gekommen wäre. 
Warum beten sie es gerade jetzt?

Die Menschen fürchten dieses gottlose Zeitalter und sie sehen dämonische Sünden wie Kindsmissbrauch und Terrorismus, der die Menschen in Verzweiflung und Schrecken treibt. Warum so viel Leid, wie in aller Welt können wir es bekämpfen? Unsere fruchtlosen Herzen wenden sich immer noch von Natur aus dem Gebet zu, zum englischen Heiligen, der der Menschheit schon einmal zur Seite stand, um sie gegen alle Arten des Bösen zu beschützen. […]


Eigentlich sehr auffällig, da neben Orten in Irland, England und Frankreich auch in Deutschland viele dem Erzengel geweihte Kirchen und Kapellen vorhanden sind - besonders auf ehemaligen heidnischen Kultplätzen und Höhenheiligtümern, die damit einen dauerhaften Exorzismus erfahren haben, aber auch zentrale Glaubensgebäude wie dem Hildesheimer Dom, den Bernward von Hildesheim anscheinend sogar plante, zu einem deutschen Nationalheiligtum auszubauen.

Auch der Unterschied zwischen dem Novus Ordo und der traditionellen Lateinischen Messe wird hier sichtbar:
Ab den 1950er wurden die Erzengelfesttage immer weiter reduziert und zusammengelegt, in der "Alten Messe" dagegen wird alleine der Erzengel Michael sechs bis sieben Mal erwähnt, wie es Dr. Taylor Marshall vom New Saint Thomas Institute in diesem englischsprachigen Vortrag darlegt:





Wer ist Fr. James Martin?

Weil ich derzeit ein wenig faul bin, um aus aktuellem Anlass einen Kommentar zu geben, verweise ich auf zwei Beiträge von kath.net, den Artikel eines Blogger-Kollegen … und dieses nette Meme als Vergleich mit einem ernsthafteren Seelsorger (zum Vergrößern bitte draufklicken).





Samstag, 28. September 2019

Nicholas Owen - Ein Heiliger baut Geheimverstecke


 


Nachdem im letzten Posting kurz auf Edward Rookwood eingegangen wurde, der anscheinend während der Reformation Wallfahrtsbilder heimlich bei sich vor den Bilderstürmern versteckt hat, sollte auch ein weiterer Untergundkatholik an dieser Stelle erwähnt werden: Der Heilige Nicholas Owen, Jesuitennovize, Martyrer und Bauer der sogenannten "Priesterlöcher".

Als Priesterlöcher bezeichnet man Geheimverstecke in den Landhäusern und Burgen von Katholiken während der Verfolgung unter Königin Elisabeth I., um Priester, die dort heimlich die Heilige Messe feierten, bei Razzien (durch sogenannte "Priesterjäger") schnell verstecken zu können. Aber auch die Messuntensilien und -möbel wurden dort untergebracht. Noch heute existieren viele solcher Verstecke, die als besondere Sehenswürdigkeit Touristen gezeigt werden, da sie meist in Gebäudeteile eingerichtet wurden, an denen man nur noch Mauerwerk vermutete wie Kaminen, Wandverkleidungen, Toiletten, Treppenstufen,Türbalken oder sogar einzelnen Fachwerkbalken, die in Wirklichkeit als schmale Türen in geheime Zimmer fungieren. James Bond-Fans dürfte die finale Fluchtszene (ab 3:30) aus Skyfall (2012) bekannt sein, aber schon vorher fällt dazu explizit der Begriff "Priesterloch", obwohl es sich im Film genauer betrachtet um einen kompletten Fluchtweg handelt.


 

Viele Priesterlöcher aus der Zeit der elisabethanischen Verfolgung werden auf Nicholas Owen zurückgeführt. Über sein frühes Leben ist nicht viel bekannt. Er soll um 1562 in der Nähe von Oxford als Kind frommer katholischer Eltern geboren worden sein. Er absolvierte eine Ausbildung als Mauerer, andere Quellen sprechen von einer Tischler- oder Zimmermannsausbildung, die er von seinem Vater Walter Owen, einem Tischler, erlernt hat. Zwei seiner Brüder wurden Priester. Bevor er um 1588 anfing Geheimverstecke zu bauen, diente er dem Hl Edmund Campion, für dessen Unschuldsbekundung er zeitweise ins Gefängnis geworfen wurde, danach Henry Garnet.

Wegen seiner Körpergröße wurde er auch "Little John" genannt, reiste aber auch mit Aliasnamen wie Little Michael, Andrewes oder Draper als Schreiner durch die Gegend und nahm für Arbeiten (egal ob echte oder als Tarnung, um die Geheimverstecke bauen zu können) nur das Nötigste an. Es hatte auch eine Gehbehinderung durch einen Reitunfall, die ihn jedoch nicht an seinen außergewöhlichen Arbeiten hinderte.

1594 wurde er gefangengenommen und gefoltert, kam aber durch die Kaution einer wohlhabenden katholischen Familie wieder frei. Die Behörden, die nichts aus ihm herauspressen konnten, hielten ihn für einen harmlosen Priesterfreund. Das Jahr darauf soll er den berühmten Ausbruch von Pater John Gerard aus dem Tower von London bewerkstelligt haben.

1606 wurde er in Reaktion auf den Gunpowder Plot in Hindlip Hall in Worcetsershire verhaftet und ergab sich den Beamten, um sowohl von John Gerard als auch einem weiteren Priester abzulenken, die sich in einem seiner Verstecke befanden. Owen wurde in den Tower von London gebracht und dort zu Tode gefoltert, nachdem er den Beamten nichts verraten hat.


 


1929 wurde Nicholas Owens von Papst Pius XI. mit 26 weiteren Märtyrern aus England und Wales selig- und 1970 durch Paul VI. mit 39 anderen heiliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 22. März. 

Als Schutzpatron hat er einen sehr exotischen Zuständigkeitsbereich. Wegen seiner Techniken im Bau von Geheimverstecken, für die er auch optische Täuschungen verwendete, gilt er als Patron der Illusionsmagier und Entfesselungskünstler. 


Auf Youtube existiert auch eine eigene halbstündige Dokumentation über Nicholas Owen:






Donnerstag, 26. September 2019

Walsingham, Norfolk - Das englische Nazareth




Der 24. September ist bei englischen Katholiken ein festes Datum, an dem Unserer Liebe Frau von Walsingham gedacht wird. Das Besondere daran ist, dass es sich dabei auch um ein nationales Marienheiligtum handelt, dessen Wallfahrt Ende des 19. Jahrhundert wiederbelebt wurde, nachdem es während der Reformation 1538 komplett zerstört wurde.

Vor Kurzem kam Walsingham wieder in die Schlagzeilen, nachdem die Vermutung aufkam, dass das ursprüngliche Gnadenbild 1539 nach seinem offiziellen Abtransport nach London nicht verbrannt, sondern heimlich verwahrt wurde und später unerkannt über eine Auktion 1925 in das Victoria & Albert Museum in London gelangte. Einem anglikanischem Priester fielen bereits 1931 Ähnlichkeiten mit der Originalfigur auf, die die damalige Abtei im Siegel führte und angeblich aus "einem alten Haus bei Walsingham stammte", sodass er eine Kopie oder die sogar Originalfigur vermutete, über deren Zerstörung in Hof des Lordkanzlers Thomas Cromwell es schon damals Zweifel gab. Dass sich auch die komplette Verbrennung der Reliquien des Heiligen Thomas Beckett als erfunden herausstellten, erhärtete des Verdacht.

Bei den Untersuchungen des Priesters Michael Rear und von Historiker Dr. Francis Young kamen noch weitere Hinweise dazu: Die bei der Auktion angegebene Herkunft aus einer abgebrochenen Kirche bei Langham in der Nähe von Walsingham erwies sich als problematisch, da dort keine Kirche abgebrochen worden ist. Außerdem wies ein deutscher Experte darauf hin, dass die Figur im V&A Museum eine Vertiefung am Kopf aufweist, in der eine Krone eingefasst war. Im Fall von Walsingham muss es die gewesen sein, die König Heinrich III. ihr 1246 aufsetzte.




Dazu kamen noch Gerüchte um eine Rettung durch die "Walsingham Verschwörung" im Zusammenhang mit Langham, aus der die Figur stammen soll. 1537 wurde der dortige Vikar John Grigby eingekerkert, weil er mit anderen Laien versucht hat, die Auflösung des Schreins von Walsingham aufzuhalten. 1555 wurde der adelige Edward Rookwood verhaftet, nachdem bei einem Besuch der antikatholischen Königin Elisabeth I. herauskam, dass er die Figur "Unserer Lieben Frau von Euston" unter einem Heuhaufen bei der damaligen Langham Hall versteckt hielt. Die Statue wurde verbrannt; dennoch hielten sich Gerüchte, dass er vielleicht noch mehr Figuren aus aufgelösten Wallfahrtsorten versteckt hielt.

Weitere Untersuchungen dürften in diesem Falle nötig sein, um das Rätsel der vom Volk vielgeliebten und deren Gegner vielgehassten (Die Reformatoren bezeichneten sie gehässig als "Die Hexe von Walsingham") zu lösen.




Ihr Ursprung geht auf eine Marienerscheinung der Adeligen Richeldis de Faverches zurück, der in einer Vision das Heilge Haus in Nazareth (heute in Loretto) gezeigt wurde mit dem Auftrag, einen Nachbau davon in Walsingham zu errichten. Neben der Kathedrale von Canterbury wurde dies der wichtigste Nationalwallfahrtsort - vor allem weil die arme Landbevölkerung nicht in das Heilige Land reisen konnte und während der Kreuzzüge die Wege dorthin immer gefährlicher wurden. 1150 entstand ein Augustinerchorherrenstift neben dem Heiligtum, von dem sogar der eher skeptische Erasmus von Rotterdam so beeindruckt war, dass er einen Bericht darüber anfertigte.




1538 wurden sowohl das Heiligtum als auch das Stift komplett zerstört.


 


Zwar hielten sich wie oben gezeigt verschiedenen Legenden über den Verbleib der Statue, doch erst im 19. Jahrhundert kam es mit der Wiedererrichtung der katholischen Hierarchie auch zu einer Wiederbelebung des Heiligtums. Da der Schrein komplett zerstört war, musste auf eine Ersatzkapelle ausgewichen werden. 1896 war es die wohlhabende Konvertitin Charlotte Pearson Boyd, die die Initiative ergriff und die seit der Reformation säkularisierte und teilweise verfallene Slipper Chapel schon 1861 als die solche identifizierte und ihrem bisherigen Besitzer, einem Farmer, abkaufte und restaurierte. Die Slipper Chapel selbst war neben anderen Kapellen um Walsingham die finale Kapelle, ab der die Pilger für die "Heilige Meile" ihre Schuhe auszogen und barfuß zum Heiligtum pilgerten. 1897 wurde sie durch ein Schreiben von Papst Leo XIII. zum öffentlichen Kult freigegeben und das in Oberammergau geschnitzte neue Gnadenbild zusätzlich von ihm gesegnet. Ab diesem Zeitpunkt begann auch die offizielle katholische Pilgerfahrt.


1954 wurde die Statue unter Pius XII. durch einen apostolischen Nuntius kanonisch gekrönt, 2015 wurde die Kapelle durch Papst Franziskus offiziell zur Basilica Minor erhoben. 1982 war die Statue Unserer Lieben Frau von Walsingham auch im Wimbledon Stadion beim Besuch von Papst Johannes Paul II. 1981 vertreten.

Bereits 1887 wurde eine Nachbildung des Heilige Hauses von Walsingham im der 26 Kilometer entferneten katholischen Church of  the Annunciation in King´s Lynn errichtet, die kultisch ebenfalls durch Leo XIII. freigegeben wurde.




1938 wurde auch ein anglikanischer Schrein mit eigener Wallfahrt etabliert. 1921 war es der anglikanische Vikar Alfred Hope Patten aus Walsingham, der als Vertreter der mehr katholischen anglikanischen Hochkirche an einer eigenen Wiederbelebung der vorreformatorischen Wallfahrt interessiert war und auch ein eigenes Wallfahrtsbild schaffen lies. Bereits ein Jahr später kamen anglikanische Pilger zur St. Mary´s Kirche gepilgert. Auch eine eigene Version des Heilige Hauses entstand, die sich nicht wie bei den Katholiken an Loretto als Vorbild orientierte. Die anglikanischen Wallfahrt existiert noch heute neben der katholischen.

Unsere Liebe Frau von Walsingham - Bitte für uns!
Auszug aus der Novene U.L.F. von Walsingham



Empfehlenswerte Links: 
- Zusammenstellung von Geschichte und Volksliteratur zur Pilgerfahrt und dem Wallfahrtsort von Walsingham
- Novenen-Büchlein (PDF) zu Unserer Lieben Frau von Walsingham
- Homepage der katholischen Wallfahrt
- Homepage der anglikanischen Wallfahrt
- Artikel zur Identifizierung der Figur im V&A Museum
- Facebook-Seite der "Freunde der Ordination Unseeer Lieben Frau von Walsingham"

Schräger als Fiktion... Teil 3




Diesen Irrsinn gibt es jetzt auch im praktischen Schuber.

[…] Sie sollte die Geschichte vom brennenden Dornbusch vorlesen. Diese Mitschülerin ist durchaus des Lesens mächtig. Eigentlich. Die feministische Bibel war nämlich eine ziemliche Herausforderung. Unser Religionslehrer hatte uns nicht zu viel versprochen: Bei jeder Gelegenheit wurde ein -innen angehängt oder sogar gleich das Wort Frauen quasi aus dem Nichts eingefügt. […]



Montag, 23. September 2019

Fr. Chad Ripperger: "Wenn du Exorzist werden willst, dann stimmt mit dir irgendetwas nicht"


Hervorragender Vortrag (leider nur auf Englisch) von Fr. Chad Ripperger zum Thema Exorzismus, Okkultismus und Unterscheidung der Geister.

Vor allem aus den Grund, weil es einerseits diverse Hysterien zum Thema innerhalb der Kirche selbst gibt, andererseits das Thema von diversen Horrorfilm-Genres so weichgespült wurde, dass es bei den Evangelikalen in den USA sogar Jugendliche gibt, die leichtfertig Exorzisten werden wollen (vielleicht weil es irgendwie spannend ist und das Ego ein wenig pusht und man ganz toll mit den anderen Mädels rumhängen kann). Ohne übrigens sowohl die Grundlagen als auch die realen Gefahren und psychischen Effekte bei Menschen zu bedenken, die eben nicht besessen sind, sondern religiöse Hypochonder.

P. Ripperger ist heute Mitglied der von ihm gegründeten Vereinigung von Exorzisten, nachdem er auch wegen seiner psychologischen Erfahrungen immer wieder selbst zur Durchführung des Befreiungsritus von der Kirche angefordert worden war. Davor war Mitglied der amerikanischen Sektion der Priesterbruderschaft St. Petrus, wo er auch verschiedene Vorträge hielt.







Weitere empfehlenswerte Links:
- Der Youtube-Kanal Sensus Fidelium mit mehreren Vorträgen und Predigten von P. Ripperger. Von diesem Kanal existiert auch eine Homepage.
- Homepage der "Schmerzhaften Väter", einer Vereinigung von Exorzisten, deren Gründungsmitglied P. Ripperger ist
- Kurzes Verzeichnis von Schriften.
Der empfehlenswerte Großband zum Thema Psychologie fehlt dort leider, kann aber immer noch bestellt werden.