Donnerstag, 13. Juni 2019

Jonathan Pageau: "Liturgische Kunst ist die einzige Lösung für das kulturelle Problem"


Der bereits schon einmal erwähnte orthodoxe Künstler Joanthan Pageau über die Frage nach dem liturgischen Gesamtkunstwerk, dessen unbewusste Existenz im säkularen Bereich und was die Kirche daraus lernen kann. Vortrag auf der Shared Inheritance Conference 2019 in Seattle.








Weitere Vorträge von Jonathan Pageau sind verfügbar auf
seiner Homepage von The Symbolic World
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Freitag, 7. Juni 2019

Antikatholische Affekte als Ausrede für EU-Versagen?



Es ist schon beachtlich, was manche Leute tun, um sich ihre Brötchen zu verdienen. Gehörte dazu früher das Anbiedern an bestimmte Schichten und Machthaber, reicht heute ebenfalls in vielen Fällen das Spielen mit Verdachtsmomenten, die - intellektuell, versteht sich - genüsslich ausgeschlachtet werden. Und sich im Bemühen, sicherheitshalber nicht wirklich die Karten auf den Tisch zu legen und damit potentiell Ärger einzuhandeln, wie geistige Epilepsie liest.

Ein solches Beispiel wäre der Artikel "Die katholische Identität huldigt dem Rassismus" von Christian Thomas, der in der Frankfurter Rundschau erschien, der übrigens schon bei der Überschrift versagt. Denn es geht in diesem Artikel nicht wirklich um Rassismus. Aber um Populisten. Und die sind eben rassistsisch wie jeder weiß. Also geht es doch um Rassismus, auch wenn klare aktuelle Beispiele so dermaßen fehlen, dass sie nicht einmal im Artikel vorkommen. Zum Beispiel die potentielle Forderung, den Heiligen Mauritius aus dem Stadtwappen von zu entfernen (was übrigens die eigentlich antikatholisch ausgerichteten Nazis taten) oder Melchior von den Drei Weisen aus dem Morgenland eine neue Hautfarbe zu verpassen.

Und da tatsächlich eine Langzeitanalyse zu dem Thema fehlt - wie der Autor gegen Ende zugibt - wird der Rest des Artikels praktisch nur mit Unterstellungen am Leben erhalten, auch wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass sich gleichzeitig eine Resistenz in Deutschland und dem "katholischen Spanien" gegenüber sogenannten populistischen Parteien abzeichnete.

Und beim "katholisches Spanien" wären wir schon mittendrin, welche Kriterien der Autor gelten lässt. Denn seine These fußt alleine auf der Feststellung, dass es sich bei den Ländern Italien, Frankreich, Österreich und Polen um "katholische Länder" handeln würde. Natürlich werden Länder wie das anglikanische Großbritannien und die reformierten Niederlande außer vor gelassen. Würde ja den Narrativ zerstören.

Die einzige Feststellung wäre also - wenn man die beiden Länder nicht weiter beachten würde -, dass in diesen Ländern rechte Parteien durch Katholiken gewählt werden. No Shit, Sherlock. Das ist schon lange bekannt und könnte man eigentlich beiseite lassen. Aber Nein. Der Autor muss ja noch so etwas wie Arbeit abliefern. Also nicht viel, sondern schlau arbeiten. Oder perfide.



Denn in diesen Ländern wurde "mitmenschenverachtend" gewählt! Jawohl, das ist so furchtbar, dass sogar ein neues Wort erfunden werden musste - so furchtbar ist das! Das hat man doch schon beim Anbiedern der Kirche an Mussolini (na ja...) gesehen und bei General Franco, "als ein Kreuzzug gegen Andersgläubige geführt wurde" (war ja nicht so, dass "andersgläubige" Sozialisten vorher ebenfalls Massaker begangen hätten)! Und es wird ja gemunkelt, "wie sehr Österreich ein katholisches Land sei – und von daher stärker korruptionsaffin als eine in der Tradition des (preußischen) Protestantismus stehende Bundesrepublik" - aber die Bonner Republik war doch auch vom rheinischen Katholizismus geprägt! Welche Wende! Und war die polnische Gewerkschaft Solidarnosc nicht auch katholisch? Wer weiß ob da wirklich eine gewisse Affinität vorhanden ist?

So geht das ganze vor sich hin ohne wirklich auf den Punkt zu kommen (hat es der Autor jetzt von Rassismus, Autoritarismus, Faschismus oder doch eher nur von rechten Populismus, den man formal auch in den Pro-EU-Parteien finden kann?) und mit der Bemerkung, dass keine wirklichen Daten zu dieser Frage vorliegen, um ebenfalls halbwegs intellektuell abzuschließen:

"[...] Chauvinismus und Katholizismus: Was auch immer an Fakten für diese These spricht und was an Fakten dagegen, so hat Europa es immerhin mit einem bemerkenswerten Mirakel zu tun. Das politische Europa schleppt eine bisher unbeachtete, uralte Hypothek mit sich herum."

Gut, das ganze könnte auch eine Art Feuilleton darstellen, der den geneigten FR-Leser irgendwie zum Überlegen bringen soll, weil er sich ja anscheinend sonst keine nennenswert rationalen Gedanken macht. Wofür die offensichtlich halbgaren Überlegungen ein Argument wären. 

Doch man beschäftigt sich nicht wirklich - abgesehen von der angestreiften wirtschaftlichen Lage in den Ländern und einem diffusen linksintellektuellen Identitätsbild - mit den Gründen, WARUM Katholiken diese Gruppen wählen, die bei genauerem Hinschauen nicht wirklich rassistisch sind, sondern deren Hauptaugenmerk auf der Sicherung der Grenzen, der Kritik am politischen Appeasement gegenüber dem Islam und einer deutlichen EU-Opposition liegt, während man lediglich den Anschein einer Analyse des Problems gibt, den wahren Problematiken dieses Themas aber letztendlich aus dem Weg geht.

Während in Deutschland vermeldet wird, dass Angela Merkel wegen ihren "Wir schaffen das!" eine Auszeichnung an einer amerikanischen Universität bekommen hat, gibt es in Europa Menschen, die das ganze ausbaden dürfen. In Italien gibt es eben Menschen, die eben nicht mit einem "aber das könnte doch von Rechten ausgenutzt werden" kommen, wenn es zu offenen Gewalttätigkeiten und sogar Morden durch Migranten kommt - sie wollen, dass so etwas nicht wieder vorkommt, kein "Tatort", der ihnen jede Woche erklärt, dass es zwar Gewalt gibt, man aber fiktiv und theoretisch gesehen humanistisch alles im Griff hat. In Frankreich kommt es immer wieder zu Gewalttätigkeiten von Islamisten, während muslimische Gruppierungen sich damit brüsten, bald die Mehrheit zu sein und sich dort Juden inzwischen immer mehr zurückziehen, sogar auswandern. Wer würde da ernsthaft noch so tun, als wäre alles in Ordnung, nur damit er nicht als "Rechter" gebrandmarkt wird? In Spanien fürchtet man sich vor weiteren Anschlägen und vor dem Ansturm von Flüchtlingen. Und bemerkt immer mehr Ungewöhnlichkeiten - aber Nein, besser Mund halten und sich wie ein braves Schaf keine weiteren Gedanken machen. So möchte man besonders Katholiken sehen, denen man das ansonsten (wie auch Thomas) als genuines Problem unterstellt.

Pro-EU(nicht Europa!)-Politiker, die alles auf ein diffuses Miteinander schieben, wenn man nur alles einer zentralen Stellung überlassen würde, und ansonsten so tun, als wäre alles in Ordnung, solange die Gesellschaft schön brav nach ihren Vorstellungen funktioniert, sind solchen Leuten natürlich herzlich unwillkommen - besonders wenn sie gleich in die rassistische Ecke gestellt werden. Wo auch der Autor sie anscheinend auch gerne sehen möchte und in seinem Chauvinismus anderen massiven Chauvinismus unterstellt.

Einen besonderen Patzer erlaubt sich der Autor schließlich an einer besonderen Stelle

"[...] Es ist nicht auszuschließen, dass im monotheistischen Denken die Vielstaaterei Europas als säkulare Vielgötterei verdammt wird. [...]"


Wenn es eine Sache gibt, die ihm während des Wahlkampfes entgangen ist, dann dürfte das die Frage nach dem Verhältnis der Union mit ihren Staaten und deren Selbstverwaltungsrecht sein. Denn es ist nicht die "Vielstaaterei", die von rechts-konservativen Gruppen abgelehnt wird, im Gegenteil - es ist die Schaffung eines Superstaates, auf den letztendlich alle Hoffnung gesetzt wird und der als einziger Garant für eine Gesellschaft, wie wir sie kennen, propagiert wird. Die "Vereinigte Staaten von Europa" mit einer undurchsichtigen Superbürokratie gegen das "Europa der Vaterländer", die unsprüngliche subsidiare Idee hinter der damaligen EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft), die Charles de Gaulles ins Spiel brachte. Eine "Europäische Armee" aus Einheiten, die nicht einmal das eigene Land stellen kann gegen eine eigenständig funktionierende und überwachte Landesarmee. Die Aufnahme der Dritten Welt in einen schlingernden Wohlstandsstaat unter der Gefahr, dass noch mehr Menschen die damit verbundenen Risiken auf sich nehmen und ertrinken gegen das Schließen der Grenzen, um zu signalisieren, dass es andere Wege geben muss, ohne dass die Dritte Welt zu uns kommt und endgültig ausblutet

Was soll hier "mitmenschenverachtend" sein? Was soll an einem Aufkochen dieser Debatte ein Mirakel sein? Warum sucht man sich ständig nur bestimmte Gruppen als soziologische Zielscheiben?

Dieses Drama ist noch immer am Laufen. Und das Finden einer Lösung wird die ganze Zeit dadurch hinausgezögert, indem man die Gegenseite so weit pathologisiert, sogar dämonisiert, dass man sich praktisch weigert, mit ihnen zu reden, seinen eigenen Standpunkt in Frage zu stellen und sich stattdessen Scheindebatten widmet.

Um seine Brötchen zu verdienen, wie gesagt.


PS: Für dieses Geschreibsel von Apologie werde ich übrigens nicht einmal bezahlt.
Nur mal so am Rande, liebe Journos.



Mittwoch, 5. Juni 2019

"Ein echter Vater würde nicht untätig dasitzen, wenn Kinder missbraucht werden. Er würde einschreiten und die Übeltäter bestrafen."


Nachdem es zu einem Interview zwischen dem Journalist und Schriftsteller Milo Yiannopoulos und dem kanadischen Psychologen Jordan B. Peterson kam, kurisert nun dieses Video auf Youtbe und einigen katholischen Kreisen (man beachte auch die positiven Ausführung der christlichen Freude - siehe ab 11:00 im vollständigen Video -, mit der er sich besser identifizieren kann als mit der derzeitigen gesellschaftlichen Mentalität).

Wer also zu faul ist, das Buch zu lesen, kann sich hier eine prägnantere Zusammenfassung von "Diabolical" anhören.





Samstag, 1. Juni 2019

Heiliger Antonius von Padua: Kurze Biographie und 13-tägige Vorbereitungsandacht auf den 13. Juni




Einer der bekanntesten Heiligen der katholischen Kirche (neben dem weitgehend eher steroetyp bekannten Heiligen Franz von Assisi) dürfte der Heilige Antonius von Padua darstellen. Besonders sein Ruf, bei der Auffindung verlorener Gegenstände zu helfen, hat dem "Schlamperltoni" einen gewissen Pop-Status unter Katholiken weltweit verliehen.

Dabei war der Berufungsweg des Heiligen Antonius selbst ein wenig verworren - weswegen sich in der heutigen Zeit auch Arbeitssuchende in dieser Hinsicht niemals entmutigen lassen sollten.

Geboren wurde er als Ferdinand Martim de Bulhões e Taveira 1195 als Sohn einer adeligen Familie in Lissabon. Zunächst lief sein Leben ziemlich gediegen: Nach der Kathedralschule besuchte er ab 1210 die Schule der Augustiner und wurde auch in einem Augustinerkloser wissenschaftlich ausgebildet, bevor er 1212 zum Priester geweiht wurde.

1220 wurde er Zeuge, wie der Franziskanermönch Berard von Carbio und seine vier Gefährten aus Marokko in Lissabon übertragen und in seiner Kirche bestattet wurden. Sie waren Missionare und wurden beim Versuch, den Sultan von ihrem missionarischen Anliegen zu überzeugen, misshandelt und vom Sultan selbst getötet - andere Quellen sagen, er hätte sie mit einer eindringlichen Warnung vor Gewalttätern ziehen lassen und sie seien auf ihrem Weg durch Marokko durch diese getötet worden. Ihre Körper konnten aus Marokko geschmuggelt werden und wurden vom Volk als neue Märtyrer begeistert empfangen. Das weckte in dem erschütterten Ferdinand das Verlagen, selbst das Martyrium in Marokko zu erleiden. Er trat dem Franziskanerorden bei und erhielt den Namen Antonius.

Im selben Jahr machte er sich so mit anderen Franziskanern auf den sicheren Weg nach Marokko. Doch eine fatale Kleinigkeit kam zwischen ihn und das erhoffte Martyrium: Er fing sich eine schwere Krankheit an und wurde zur Genesung nach Hause geschickt. Wo er übrigens nie ankam. Denn das Schiff, auf dem er unterwegs war, erlitt bei Sizilien Schiffbruch und Antonius war gezwungen, in Italien an Land zu gehen, wo er in Assisi 1221 am Generalkapitel der Franziskaner teilnahm. Eher zufällig übernahm der unscheinbare Mönch dort die Stelle des Redners, wo sein Redetalent nun offenbar wurde. Von 1222 bis 1224 wurde er vom Ordensprovinzial der Romagna nach Oberitalien und Südfrankreich (wo er auch als Guardian in Le Puy und Limoges tätig war) geschickt, um gegen die Katharer und Waldenser zu predigen. Der Minderbruder wurde auch schnell mit Erfolg gekrönt, da ihm nicht nur durch seine gelebte glaubwürdige Armut, sondern durch seine tiefgehende Kenntnis der Heiligen Schrift und der Theologie, die er dem einfach Volk anschaulich erklärte und somit viele Abwendungen von der oberflächlichen Lehren der Katharer (vgl. Ausführung in diesem Artikel) bewirkte. Ihm wurde deswegen der Titel "Hammer der Ketzer" verliehen.


Auch zwei bekannte Legenden haben ihren Zusammenhang mit der Katharer-Mission. Die eine handelt von den Bewohnern von Rimini, die daran gehindert wurden, Antonius in ihrer Stadt predigen zu lassen. Worauf dieser stattdessen anfing, den Fischen zu predigen, die auch aufmerksam ihre Köpfe aus dem Wasser streckten. Diese Beobachtung erschütterte die Bevölkerung so sehr, dass sie sich auf der Stelle zum wahren Glauben bekehrte. Die andere Legende berichtet von einem Katharer, der sich weigerte, an die Gegenwart Christi in der Heiligen Eucharistie zu glauben. Dieser ließ sich auf eine von ihm selbst erdachte Wette ein, dass er katholisch werden würde, wenn sein Esel selbst bei starkem Hunger (ihm wurde eine drei Tage lang nichts zu fressen gegeben) eher vor der konsekrierten Hostie verbeugen würde als sich dem Futter zuzuwenden. Was das Tier trotz Schläge des Mannes tat, der völlig überrascht feststellen musste, dass die Wette nicht so verlief, wie er es gerne haben wollte.

1224 wurde Antonius von Franziskus, dem er bereits auf dem Generalkapitel persönlich begegnet ist, zum Lektor der Theologie und theologischen Leiter des Ordens berufen. Zugleich war er auch Ordensprovinzial der Romagna in Padua. Von 1227 bis 1230 war er wieder als Bußprediger tätig - am Ende war er völlig entkräftet und kehrte nach Padua zurück, wo er auch alle seine Ämter niederlegte und sich in eine kleine Einsiedelei zurückzog. In seinem Todesjahr 1231 hielt er eine letzte aufsehenerregende Fastenpredigt, die zu Massenbekehrungen von Sündern und Verbrechern führte. Wegen der Anwesenheit von 30.000 Menschen, die den berühmten Minderbruder predigen hören wollten, musste die Predigt ins Freie verlegt werden. Am 13. Juni verstarb Antonius mit ungefähr 36 Jahren in Arcella nahe Padua, wo noch heute am Vorabend seines Gedenktages eine besondere Prozession stattfindet.



Nach seinem Tod kam auch eine Begebenheit ans Licht, die Maßgeblich für seine Darstellung werden sollte: Sein Gönner Graf Tiso von Camposampiero hatte ihn bei sich zu Gast, als er eines Nachts einen hellen Lichtschein aus seiner Kammer kommen sah. Der Graf dachte sofort, dass ein Feuer ausgebrochen sei und riss die Tür auf - um Mitzeuge einer Erscheinung zu werden: Das Jesuskind erschien dem Antonius und legte sich diesem in die Arme. Der erschütterte Graf musste schwören, zu Lebzeiten niemandem davon etwas zu erzählen.

1263 wurden die Gebeine von ihrem bisherigen Ruheplatz in die neuerbaute Basilika des Heiligen überführt. Überraschenderweise waren die Zunge und die Stimmbänder des Heiligen unverwest geblieben; beide sind heute noch in der Reliquienkapelle der Antoniusbasilika zu sehen. Angesichts der Wunder, die sich auch an seinem Grab ereigneten, bemerkte selbst der große franziskanische Gelehrte Bonaventura, ein Zeitgenosse des großen Thomas von Aquin: "Suchst du Wundertaten, gehe zu Antonius!" Bis zum heutigen Tag wird immer wieder von erstaunlichen Gebetserhörungen und Wundern berichtet, die selbst nach seinem Tod nicht abbrachen.

Dazu gehört auch die Empfehlung, ihn beim Verlust von Dingen um seine Mithilfe anzurufen. Zurück geht diese Empfehlung auf ein Erlebnis aus dem Leben des Heiligen selbst. Ein Mitbruder, der des Ordenslebens überdrüssig war, floh aus dem Kloster - und stahl dabei auch das Psalterbuch, das auch wichtige Notizen enthielt, die Antonius für den Unterricht brauchte. Er betete daher zum Herrn um die Rückkehr des wertvollen Buches. Der Täter selbst war es, der das Buch plötzlich wieder zurückbrachte, seine Tat bereute und wieder in den Orden eintrat.

Bereits 11 Monate nach seinem Tode wurde Antonius von Papst Gregor IX., der ihm selbst 1228 in Rom begegnete, wo auch der Heilige eine Predigt hielt, nach dem Auftreten mehrere Wunder heiliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 13. Juni. Seine zwischen 1235 und 1240 entstandene Vita wurde durch den Chormeister und Dichter Julian von Speyer in Umlauf gebracht. 1947 erhob ihn Papst Pius XII. zum Kirchenlehrer, bereits Gregor IX. nannte ihn aufgrund seiner umfassenden Kenntnisse der Schrift und des Glaubens eine "Schatztruhe der Heiligen Schrift". Der Umfang seiner schriftlich festgehaltenen Predigten ist in gewisser Hinsicht ziemlich gering. Eine englische Zusammenstellung seiner Predigten findet sich HIER.

1310 gelangten seine Reliquien in die Franziskanerkirche (die damals übrigens auch zugleich dem Heiligen Antonius geweiht war) nach München, 1350 in die Kirche St. Peter nach Erfurt. Trotz seiner damaligen Bekanntheit, erhielt seine Popularität im 16. Jahrhundert aufgrund der Gegenreformation einen gewaltigen Schub im Volk, in dieser Zeit entstanden auch die sogenannten Antoniusbruderschaften. Im 17. Jahrhundert kamen nach einem aufsehenerregenden Wunder in Bologna, bei dem das missgestaltete Neugeborene einer Mutter plötzlich geheilt wurde, die Antonius-Dienstage auf, an denen zu persönlichen Anliegen an neun Dienstagen hintereinander eine Andacht gehalten werden. Auch dreizehn Tage vor dem 13. Juni ist es möglich, eine Antonius-Novene in Vorbereitung auf seinen liturgischen Gedenktag zu halten.

Sein Geburtsort in Lissabon ist heute ein bekannter Wallfahrtsort des Heiligen, der auch einigen als Antonius von Lissabon bekannt ist. Auch die Einsiedelei, wo die Erscheinung mit dem Jesuskind passierte, ist heute eine Wallfahrtsstätte.

Auf der Homepage der Basilika ist es ebenfalls möglich, sein Gebetsanliegen per E-mail zu senden.
Für die Segnungen vor Ort gibt es in der Basilika für Besucher sogar eine Segnungskapelle. Dass zudem eine Webcam vorhanden ist, sollte an dieser Stelle auch nicht weiter verwundern. Ebenso dass es neben dem Basilika-Shop praktisch an mehreren Stellen der Stadt Berührungsrelquien zu erwerben sind. Bei der ganz obig abgebildeten aus der Basilika gehen die Spenden dafür an das Waisenhaus der Franziskaner.

Es gibt auch spezielle Pilgerfahrten für Singles, die einen Partner suchen. In diesem Fall fungiert der Heilige Antonius ein wenig als Vorstufe zu Sankt Valentin. Nur mal ganz nebenbei bemerkt.



Zu empfehlende Seiten und Lektüren, die als Quelle dienten:
- Homepage der Basilika des Heiligen Antonius in Padua
Saint Anthony Shrine Cincinnati
- Ökumenisches Heiligenlexikon
- "Sendbote des Heiligen Antonius". Magazin der Franziskaner von Padua








Gebet für die 13 Vortage zum Fest des hl. Antonius am 13. Juni 

Freitag, 31. Mai 2019

Gotische Kirchen: Labert nicht so viel, baut die Teile einfach




Auf diesem Blog wurde das Thema zwar schon einmal durchgekaut. Aber was soll´s.

Auf katholisch.de wurde der Frage nachgegangen, warum heutzutage niemand mehr gotische Kirchen bauen würde. Was uns weit mehr über die Architekten und Bauleiter als über die durchschnittlichen Gläubigen verrät. Und deren billige Argumentationsweise, die sich mehr an Funktionsbauten plus ein paar zusätzlich hinzugefügten Effekten als an einen würdigen Vollzug der Heiligen Messe und regionalen Bauweisen orientiert.

Die einzigen Argumente, die Benedikt Hotze vom Bund Deutscher Architekten gegen traditionelle Kirchenbauten aufführt, kann man einfach nur als billig und fadenscheinig aneinandergereiht bezeichnen. Es wäre in Zeiten des Gemeindesterbens seiner Meinung nach "für die Kirche unklug, wenn sie mit besonders bombastischen oder reich geschmückten Neubauten auftreten würde", außerdem "täte die Kirche nicht gut daran, heute in neuen städtebaulichen Kontexten eine historisierende Kirche zu bauen" (was übrigens vor allem der Piusbruderschaft vollkommen egal zu sein scheint - und bisher in dieser Hinsicht noch nichts "Unkluges" eingetreten ist) und man müsse vor allem die Multifunktionsfähigkeit bedenken: "[...] Die vielfältige Nutzung, die eine Kirchengemeinde heute von ihrem Gebäude erwartet, ist in einem modernen Bau einfach besser unterzubringen als in einem riesigen neugotischen Kirchenschiff, wo es noch nicht einmal eine Toilette [sic!!!]  gibt, weil die eben nicht vorgesehen war."

Weiterhin seien die Kosten zu bedenken, da gotische Elemente ja sorgfältig hergestellt und dann irgendwann wieder renoviert werden müssten - und außerdem kostet die Wiederherstellung von Notre-Dame de Paris ja Millionen (dass ein Grund dafür die durch den Brand beschädigten wichtigen Strebepfeiler und -bögen sind, ist an dieser Stelle wohl nicht weiter erwähnenswert). Nur um dann anzumerken, dass es nicht um das Geld gehe, sondern "baukulturell gewollte Setzung der Entscheidungsträger" sei und außerdem modernes Bauen ein "wichtiger Meilenstein der Architekturgeschichte" sei. Einerseits wird hier mit abschreckenden Baukosten, anderseits mit der zwingenden Traditionsverpflichtung der Moderne jongliert. Zum spirituellen Nutzen des Ganzen, den man aus solchen Bauten ziehen kann, heißt es schlicht und einfach: "Kontemplation vielleicht". Und es wird schnell klar: Der Typ hat scheinbar nicht einmal Ahnung, was Liturgie überhaupt ist.

Auch eine Art von rhetorischem Missbrauch muss hier explizit angesprochen werden:

Die "franziskanische Bescheidenheit"
Denn zum größten Missverständnis selbst innerhalb moderner Theologen gehört die Ansicht, dass die Franziskaner die Liturgie bescheiden und einfach gefeiert hätten. Dem ist nicht so. Denn bescheiden waren die Minderbrüder lediglich in ihrer persönlichen Lebensweise. In Sachen Liturgie waren sie diejenigen, die regelmäßig aufgeprotzt haben, um der Gegenwart Gottes in der heiligen Liturgie eine würdige Ausstrahlung für die einfachen Gläubigen zu verleihen. Diejenigen, die vielleicht die Liturgie nüchterner Feierten, waren die Dominikaner. Noch extremer waren die Zisterzienser, die anfangs in ihrer Regel nur bemalten Holzkreuze zuließen. Warum also Franziskus? Weil er den Ruf des "Rebellen", des "Kirchenkritikers" gegen den Prunk hat und viele Menschen sich mit dieser Gestalt anfreunden konnten. Auch wenn er selbst es war, der wertvolle Paramente und Gefäße für die Feier der Heiligen Messe forderte.

Was hier besonders hervorsticht, ist die inzwischen typisch deutsche Expertengläubigkeit. Experte sagt so, Experte will so - wird gemacht, auch wenn es andere das nicht wollen. Das Gleiche hat es bei der Rekonstruktion der Neuen Altstadt Frankfurt gegeben - man war sich dabei nicht einmal zu schaden, Fachwerkarchitektur als "faschistisch" zu bezeichnen, um Leute, die anders als modernes Bauen dachten, mundtot zu machen. Und jetzt schau sich einer Frankfurt an und wie viele Touristen sogar aus der näheren Umgebung deswegen hinströmen.

Und besonders beim Bau traditioneller Kirchen braucht man sich auch nicht entmutigen zu lassen. Das einzige, was speziell in Deutschland zum Problem werden könnte, wäre das weitgehende Fehlen genügender traditioneller Architekten - auch weil der Einfachheit halber viele Studiengänge traditionelle Bauelemente und deren Bedeutung einfach beiseite lassen. Eine Sache, die in Großbritannien und sogar den Vereinigten Staaten komplett anders aussieht. Wo man sich übrigens traditionelles Bauen alles andere als madig machen lässt - egal wie sehr sich die "Experten" aufregen. Und genau das sollten wir auch tun, genau wie die Franzosen und "ihre" Notre-Dame". Damals als die Dinger gebaut wurden, gab es ja auch keine selbstgefälligen "Experten", die ohne weiteres Vorwissen die öffentliche Meinung diktierten - sondern nur Stifter, die Gemeinde und den Herrn als "Gremium".


Und wer sich zum Schluss noch etwas schönes reinziehen möchte:
- The Prince´s Foundation - School of Traditional Arts
- ALBL Oberammergau
- Baker Architects - Catholic Church Architects
- Cram & Ferguson Architects
- Ferdinand Stuflesser
- Liturgical Environs, PC
- McCrery Architects




Samstag, 25. Mai 2019

Heiliger Petrus Martyr: Sogar eine Axt im Kopf kann dich nicht von friedlichen Bekehrungen abhalten



Vor einiger Zeit wurde ich wegen dem netten Mönch angesprochen, der die Leser dieses Blogs mit seiner bloßen Anwesenheit anfangs jedesmal so freundlich begrüßt. Dabei handelt es sich um einen Heiligen aus Italien, der für durchschnittliche Kirchgänger (oder Nicht-Kirchgänger) herzlich unbekannt und seine Darstellung noch herzlich verstörender sein dürfte, nämlich dem Heiligen Petrus Martyr bzw. Petrus von Mailand oder Petrus von Verona.

Jedenfalls dürfte er für den durchschnittlichen modernen deutschen Kunstliebhaber eher ein exotischer Fall sein - auch im "Heiligen Köln", wo er der Schutzpatron der Kölner Brauer darstellt, nach dem auch die Petrus von Mailand-Bruderschaft benannt wurde, und wo im Kapitelsaal des Domes ein Buntglasfenster aus dem 13. Jahrhundert mit ihm darauf abgebildet zu sehen ist. Umso überraschender dürfte an dieser Stelle die Popularität des 1252 in Mailand Ermordeten und bereits 1253 Heiliggesprochenen sein, dass bereits um 1280 solch ein Kunstwerk am Rhein vorhanden gewesen ist - wohl auf aktives Betreiben des Dominikaner-Ordens, dem Petrus angehörte und der sich damals wie die Franziskaner explosionsartig in ganz Europa ausbreitete.

In diese Zeit fiel auch das Leben des Petrus: Geboren wurde er um 1205 in Mailand als Kind von einer Familie, die der Sekte der Albigenser angehörte - darauf kommen wir jedoch gleich noch einmal zu sprechen. In seiner Schulzeit fand er mit sieben Jahren dennoch einen Weg zum katholischen Glauben, der ihn Gott als den Schöpfer der Welt näher brachte, der ihn so sehr bewegte, dass er sich nach Verlassen seines Elternhauses zum Theologie-Studium in Bologna entschloss. Wie auch der Heilige Albertus Magnus (übrigens in der Kölner Dominikaner-Kirche St. Andreas beigesetzt) in Padua, so begegnete er als Student dem neu gegründeten Predigerorden der Dominikaner, in den er 1221 aufgenommen wurde.

1232/1233 wirkte er in Mailand und nutze seine Kontakte für die Vorbereitung seines großen Vorhabens: Der Bekehrung der Albigenser, durch die er durch seine Tätigkeit als Prediger und Diskutant berühmt werden sollte, die er ab 1238 in Mittel- und Oberitalien ausübte.



Dazu muss man an dieser Stelle einen kurzen Abriss geben über die Sekte der Albigenser, die auch als Katharer bekannt sind - im Deutschen entstand durch die Verballhornung dieses Namens übrigens der Begriff "Ketzer". Das moderne Bild der Katharer ist hauptsächlich geprägt von ihren Ruf als friedfertige Mysterienreligion mit urchristlichem oder esoterischem Geheimwissen (gewisse Personen lassen grüßen), als deren Gegenpart sich die nach Geld und Macht lechzende Kirche darstellt - also ziemliches Dan Brown-Verschwörungs-Niveau. Doch die Wirklichkeit dahinter ist etwas komplizierter, erklärt aber den raschen Aufstieg und Fall dieser Abspaltung.

Das fängt bereits bei dem Namen selbst an, der auf das griechische καθαρός (katharos, "rein" im übertragenen Sinne "die Reinen") zurückgeht. Dabei handelt es sich um eine dualistische Sekte, die starke Ähnlichkeiten mit einer ältere esoterisch-dualistische Bewegung, den Manichäern hat. Der Begriff Katharer stellt jedoch einen älteren Sammelbegriff dar, der im Mittelalter auf verschiedenste Gruppen überging, die ihren Ursprung in den oströmischen Bogomilen vom Balkan haben, die ebenfalls Elemente älterer dualistischer Sekten aufweisen - man könnte also den Katharismus als Zeitkaspel bezeichnen, die unter bestimmten Umständen schließlich irgendwann wie ein im Boden vergessener Blindgänger hochgehen sollte. Der erste Umstand war der Verkehr des westlichen Europa mit dem byzantinischen Reich, auf dessen Wege dualistische Prediger nach Frankreich, Deutschland und Italien gelangen sollten. Ein weiterer Umstand waren die Missstände im Klerus, die von diesen Predigern ausgeschlachtet wurde, sowie das Entstehen von pantheistischen bzw. quasi-pantheistischen Strömungen, die von sich glaubten, von sich aus so voll des göttlichen Geistes zu sein, dass sie keine Sünden mehr begehen könnten und daher keine Amtskirche mehr bräuchten. Ein Vierter war die Unterstützung durch Wohlhabende und Fürsten.

Trotz Aufsplitterung in verschiedene Gruppen waren ihnen die Ablehnung Gottes als Schöpfer der Welt (diese wurde einem ewigen bösen Wesen bzw. einem bösen Gott zugeschrieben, das von den Bogomilen als Gottessohn Satanael bezeichnet wurde, zu dessen Bekämpfung der andere Gottessohn Jesus Christus auf die Welt kam ), die Ablehnung der Göttlichkeit Christi, dessen Menschwerdung (er erschien den Menschen ihrer Meinung nach lediglich in einem Scheinleib) und dessen Kreuzestod gemeinsam. Außerdem zeichneten sie sich durch einen aggressiven Antiklerikalismus aus, der die Kirche wegen ihrer zu starken Bindung an Besitz ablehnte, sowie die Sakramente, die nach deren Meinung keinerlei Wirkung besaßen, da die Priester seelisch nicht rein genug seien. Man könnte sie im heutigen Sinne mit der Sekte Universelles Leben vergleichen - außer dass die Katharer selbst Bischöfe sowie einen eigenen Klerus hatten.

Aufgeteilt waren sie in "Vollkommene", die angeblich keine Sünden mehr begehen konnten, sowie den "Credentes", die ihren Vorgesetzten versprechen mussten ("Convenenza"), vor ihrem Tode die Geisttaufe ("Consolamentum", nicht zu verwechseln mit der kirchlichen sakramentalen Taufe, die die Katharer ablehnten) zu empfangen, um selbst zu "Vollkommenen" zu werden. Um danach nicht wieder diesen Zustand zu verlieren, hungerten sich viele zu Tode oder vergifteten sich ("Endura"), wenn der Tod nicht von selbst einzutreffen drohte. Während die Vollkommenen sich an keine Gesetze halten mussten (da diese von der bösen Welt stammten und damit selbst böse seien), konnte die Sünde den Credentes nach ihren Ansicht nach nichts anhaben, da durch das Consolamentum diese wieder vollkommen aufgehoben werden konnte. Ausschweifungen und Missachtung gesellschaftlicher Normen waren daher selbst unter den Albigensern nicht selten - Luthers "Glaube fest und Sündige tapfer" lässt grüßen.  Der Katharergraf Raimund VI. von Toulouse konnte sich fünfmal von seinen Frauen trennen, da die Ehe für sie keine Gültigkeit besaß (übrigens galt die Zeugung von Nachwuchs wie Besitz und Verzehr von Fleisch als unrein, da damit noch mehr Kinder als eine Art teuflische Brut auf die Welt gebracht worden wäre. Schwangere wurden daher nicht zum Consolamentum zugelassen), und ließ sich aufgrund seiner Unterstützung ständig von Vollkommenen umgeben, die ihm im Notfall das Consolamentum spenden konnten. Es kam auch vereinzelt zu Zusammenrottungen, Brandstiftungen und Plünderungen von Kirchen und Mordanschläge durch katharische oder ähnliche Gruppierungen in ganz Europa wie in Antwerben, wo 1115 der häretische Wanderprediger Tanchelm mit 3.000 Bewaffneten den Aufstand wagte, jedoch von einem Priester erschlagen wurde. In diesen Fällen war bereits die weltliche Obrigkeit alarmiert.

Die Reaktion der Kirche war sehr verhalten. Wegen ihrer beißenden Kritik am Wohlstand des Klerus und ihren Erfolgen bei der einfachen Bevölkerung als "Gute Christen" hatten die Kirchenoberen wenig Chancen selbst einzuschreiten. 1206 schickte Papst Innozenz III. Zisterziensermönche zum Zentrum der Katharer, nach Südfrankreich, um sie durch Glaubensdispute wieder zur Kirche zurückzuführen. Nachdem der Zisterzienser Pierre de Castelnau von einem Gefolgsmann des Raimund VI. von Toulouse getötet wurde, kam es zum offenen Konflikt, den Albigenserkreuzzug, der bis 1229 dauerte und auf beiden Seiten zu brutaler Gewalt führte, die schließlich in Massakern an Albigensern von Seiten der Kreuzritter endete. Auch hielt das viele katharische Gruppen nicht auf, sich in Norditalien zu verbreiten, woher auch Petrus Martyr stammte.



Dieser hielt es wie der Heiliger Dominikus weitaus wichtiger, die Irrlehren der Albigenser durch ein authentisches Leben und die Verkündigung des Glaubens zu bekämpfen. Petrus prangerte in seinen Predigten die Doppelmoral vieler Christen an, die zwar ihren Glauben mündlich bekunden, aber in ihren Werken vollkommen anders handelten. Wie der Heilige Dominikus, der den Rosenkranz etablierte, der in seinen fünfzehn Geheimnissen von der Menschwerdung, dem Leiden und der Verklärung des Leibes sich gegen die oberflächlich , aber in sich lebensfeindliche Lehren der Katharer wendete, wirkte Petrus Martyr verschiedene Wunder durch das Zeichen des Heiligen Kreuzes - ein Zeichen, das durch die Katharer ebenfalls abgelehnt wurde (und schon wieder sind wir hier beim Thema Kreuz und Triggern). Auch das Anbiedern als "Gute Christen" und eigentliche Katholiken machte Petrus ihnen immer schwerer - woran auch heute noch eine Kapelle in der Basilika Sant’Eustorgio in Mailand erinnert.

1232 stieg er zum päpstlichen Gesandten in Mailand auf, 1241 wurde er Prior in Asti, 1251 Prioir in Como und im gleichen Jahr päpstlicher Inquisitor. Die Inquisition entstand nach Ende der Albigenserkriege 1229 explizit wegen der Ausbreitung der Katharer, die sich inzwischen sogar in Kircheninstitutionen einschleusten, um deren Prediger und Agitatoren auszuheben und dingfest zu machen - eine Sache, die bereits 1184 beschlossen wurde, sich aber wegen fehlender Organisation und mangelnder Berücksichtigung der Konzilsbeschlüsse von Verona nicht wirklich durchsetzen konnten.

Trotz der Möglichkeiten, die Petrus nun offen standen, zog er es weiter vor, statt Strafe von Überzeugsgesprächen und Disputen Gebrauch zu machen, um die Herzen direkt zu bekehren. Damit machte er sich bei den nicht nur asketischen, sondern auch wohlhabenden und wohlvernetzten Albigensern alles andere als beliebt, die bald zwei Auftragsmörder anheuerten. Diese fingen ihn am 6. April 1252 und seinen Mitbruder Dominikus auf dem Weg von Como nach Mailand ab. Carino von Balsamo, einer der beiden, schlug mit einer Axt auf seinen Kopf ein, sein Begleiter wurde tödlich verletzt und starb fünf Tag nach dem Anschlag. Doch Petrus war noch nicht tot. Er richtete sich noch einmal auf seine Knie und sprach noch einmal den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses - der Legend nach soll er die Worte "Credo in unum Deum" sogar mit seinem eigenen Blut als Aufopferung auf den Boden geschrieben haben. Als sein Mörder dies merkte, versetzte er ihm mit seinem Dolch einen endgültigen Stich ins Herz.


Doch die Geschichte war an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Auch nicht für den Mörder. Während sein Komplize Manfredo Clitoro in die Alpen zu den damaligen Waldensern floh, die teilweise gemeinsame Sache mit den Albigensern machten, packte Carino von Balsamo die Reue und er erlebte eine Bekehrung. In Forlì fand er Zuflucht in einem Dominikanerkloster, wo er dem Seligen Giacomo Salomoni von Venedig seine Tat beichtete und zur Buße als Laienbruder dort eintrat. 1293 verstarb er im Rufe der Heiligkeit.

Zurück zu Petrus Martyr. Bereits am 25. März 1253 wurde er von Papst Innozenz IV. heiliggesprochen (dabei handelt es sich übrigens um die schnellste Heiligsprechung der Geschichte). Zunächst war er in der Basilika San Simpliciano im Norden Mailands aufgebahrt worden - die Nachricht von seiner Ermordung hat sich so schnell verbreitet, dass es zu einem Volksauflauf kam, der es unmöglich machte, Petrus direkt nach Mailand zu bringen. Seinen endgültigen Ruheplatz erhielt er in der Basilika Sant’Eustorgio in einem prunkvollem Hochgrab. Seine Geschichte wurde in die damals weit verbreitete und beliebte Legenda Aurea  (geschrieben 1263-73) aufgenommen, wo vom "neuen Martyrer" die Rede ist und von fünf Wundern nach seinem Tod berichtet wird (die Albigenser werden in dieser Schrift übrigens als "Arianer" bezeichnet, ein Begriff, den auch Bernhard von Clairvaux gebrauchte). Es wird spekuliert, ob der Autor, der Dominikaner Jacobus von Voragine, ihn sogar persönlich kannte. Auf jeden Fall trug dies immens zu seiner Bekanntheit bei.

Sein traditioneller Gedenktag war der 6. April, der Tag, an dem Petrus ermordet wurde. Später wurde er auf den 29. April verschoben, um nicht in die Osteroktav zu fallen. Am Sonntag um diesen Tag findet auch in Mailand die Prozession mit seinen Reliquien statt. Noch heute sind an seinem Schädel neben der Hiebwunde auch der Bart und die Tonsur vorhanden. Nach dem Liturgiereformen nach dem II. Vatikanischen Konzil wurde sein liturgisches Andenken als nicht nichtgebotener Gedenktag eingestuft. Das verwundert bei der Tatsache, dass bis Ende des 14. Jahrhunderts Petrus Martyr neben dem Heiligen Dominikus und Thomas von Aquin als einzige Heilige des Dominikanerordens galten.

Eine besondere Sakramentalie kann übrigens an seinem Gedenktag geweiht werden:
Die Sankt Petrus Martyr Palmzweige.



Im Übrigen wird er auch gegen Kopfschmerzen angerufen.
Aber das dürfte wohl selbsterklärend sein.


Gewähre, so bitten wir, allmächtiger Gott, dass wir dem Glauben Deines heiligen Martyrers Petrus, der zur Verbreitung eben dieses Glaubens die Palme des Martyriums zu erlangen verdient hat, mit angemessener Andacht folgen. Durch unseren Herrn. 
Oratio zum Gedenktag des Petrus Martyr am 29. April



Samstag, 18. Mai 2019

Das Kreuz mit dem Pfahl - Zeugen Jehovas und wortwörtliches Rosinenpicken auf Crystal Meth




Zeugen Jehovas sind lupenreine Häretiker.

Okay, das war jetzt ein wenig hart. Aber schauen wir uns das ganze mal etwas genauer an:
Eine Gruppe, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach drei Schismen (man merkt schon, wir befinden uns bei Protestanten) aus der Gruppe der amerikanischen Bibelforscherbewegung hervorging, behauptet, alleine durch kritische Schriftforschung 2.000 Jahre christliche Kirchen- und Dogmengeschichte wiederlegt zu haben. Wozu auch gruppeninterne Zerwürfnisse kommen - aber dazu später mehr.

Vor der Haustüre oder im Bahnhof am Schriftenstand auf Rädern hat man bei der ersten Begegnung zuerst einen ganz anderen Eindruck. Ja, sie sorgen sich um die Zukunft der Menschen. Ja, sie glauben an die Auferstehung. Wollen sie mal zu einer Versammlung vorbei schauen? Scheint ziemlich harmlos, scheinen sogar ziemlich orthodox zu sein (für Protestanten).

ABER HOLLA DIE WALDFEE, JETZT KOMMT DER KNACKPUNKT

Denn diese netten Leute verraten nicht alles. Nur das, womit sie oberflächlich mit anderen Christen übereinstimmen. Um sie schließlich mit den Lehren ihrer Abspaltung zu überrumpeln. Dazu gehören der Antitrinitarismus (die Ablehnung der Teilhabe Christi an der Natur Gott Vaters und des Heiligen Geistes), die Ablehnung einer unsterblichen Seele (die am Jüngsten Tag übrigens durch eine Art Copy-Paste-Prozess zusammen mit dem Körper wiederhergestellt wird) und die Ablehnung des Kreuzes als Hinrichtungswerkzeug beim Erlösungstod Christi.

Befasst man sich näher mit den Argumenten, hier als Beispiel mit der Überzeugung, dass Jesus nicht an einem Kreuz, sondern einem Pfahl gestorben sei, wird es erst so richtig schräg. Bei der kurzen Ablehnung heißt es, dass "es in der Bibel Anhaltspunkte dafür gibt, dass Jesus nicht an einem Kreuz, sondern an einem einfachen Pfahl gestorben ist". Jetzt muss man aber wissen: Nicht nur die Argumentation von Jehovas Zeugen ist sehr tendenziös, sondern auch deren Übersetzungen und Interpretationen dieser Übersetzungen. Und dafür existiert sogar eine eigene Bibel-Version: Die Neue-Welt-Übersetzung.

Dort werden an viele Stellen nicht nur ideologische Randverweise gesetzt, wie man diese Stelle zu verstehen habe, sondern tatsächlich ganze Wörter falsch übersetzt. Und zwar mit Absicht, um sie an die eigene Argumentation anzupassen. Als Beispiel sei hier der Prolog des Johannes-Evangeliums (Joh 1,1) zu nennen.

Zunächst zur deutschen Version aus der Einheitsübersetzung:
Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.

Jetzt zum griechischen Originaltext:
εν αρχη ην ο λογοσ και ο λογοσ ην προσ τον θεον και θεοσ ην ο λογοσ

Die Vulgata-Version:
In principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum et Deus erat Verbum

Und hier die Neue-Welt-Übersetzung:
Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war ein Gott [Fußnote: Oder „war göttlich“]

Während in den übrigen Übersetzungen der Sachverhalt des artikellosen θεοσ (theos, "Gott") wie zuvor mit derselben Person, nämlich Gott, übersetzt wird, macht die Neue-Welt-Übersetzung kurzerhand "ein Gott" bzw. "göttlich" daraus, um einen Beweis in der Hand zu haben, dass Jesus das Wort nicht mit Gott wesensgleich, sondern lediglich "göttlich" also nur ähnlich oder dem Anschein nach Gott und damit nicht notwendigerweise Gott sein muss. Könnte vielleicht neben der Sache, dass hier einfach θεοσ und nicht etwa θείος (theios, "göttlich") steht und das Wörtchen "ein" einfach nicht vorhanden ist, logisch sein, da hier der Artikel fehlt. Was natürlich zum nächsten Problem führt, da dieses artikellose θεοσ noch weitere Male im gleichen Text auftauchen wird - und zwar in diese Kontext vollkommen anders übersetzt.

In Joh 1,6 folgt ein artikelloses θεοσ mit Präposition
εγενετο ανθρωποσ απεσταλμενοσ παρα θεου ονομα αυτω ιωαννησ

statt wie in 1,1, wo ein θεοσ mit Präposition und Artikel vorhanden ist
εν αρχη ην ο λογοσ και ο λογοσ ην προσ τον θεον

Trotzdem wird es aus dem Sinnzusammenhang in der Neuen-Welt-Übersetzung ebenfalls mit "Gott" und nicht "ein Gott" übersetzt: 
Es kam ein Mensch, der als Repräsentant Gottes gesandt wurde. Sein Name war Johạnnes.

Das gleiche Spiel bei Joh 1,12
οσοι δε ελαβον αυτον εδωκεν αυτοισ εξουσιαν τεκνα θεου γενεσθαι τοισ πιστευουσιν εισ το ονομα αυτου
Doch alle, die ihn aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, weil sie an seinen Namen glaubten

und bei Joh 1,13
οι ουκ εξ αιματων ουδε εκ θεληματοσ σαρκοσ ουδε εκ θεληματοσ ανδροσ αλλ εκ θεου εγεννηθησαν
- Und sie wurden nicht durch Menschen noch durch menschliches Wollen noch durch den Willen eines Mannes geboren, sondern durch Gott.

Was das Argument mit dem fehlenden Artikel und somit einer fehlenden Bestimmtheit ad absurdum führen und auf eine Voreingenommenheit der Exegeten hinweisen würde. Eine Ausweichmöglichkeit stellt der Verweis auf andere Übersetzungen dar, zum Beispiel aus dem Koptischen (besser gesagt aus EINEM koptischen Dialekt. Ein koptisches Zitat wird übrigens nicht aufgeführt). Was natürlich den Verdacht erhärtet, dass man irgendwie irgendeinen Beleg aus allem möglichen Übersetzungen sucht, um die eigene Überzeugung zu stützen, während man den Rest praktisch über Bord wirft.

Das ist nun ein Punkt, an dem es so richtig perfide wird: Man warnt in den öffentlichen Publikationen vor "hochrangige katholische Geistlichen" die verärgert waren, dass "manche Laien nicht katholische Dogmen vertraten, sondern das, was wirklich in der Bibel steht", die als "Bibel liebende" Menschen bezeichnet werden. Um schließlich bei einer Clique von "Bibelforschern" zu enden, die nun selbst bestimmen, wie man die Bibel zu lesen hat und eigene Dogmen aufstellen, die Menschen beachten müssen, wenn sie die Bibel wirklich ernst nehmen und gottgemäß leben wollen. Gedeckt von einem regelrechten Fetischismus für möglichst viele verschiedene Bibelübersetzungen, deren Urheber nicht nur nicht mit den Zeugen Jehovas einer Meinung gewesen wären, sondern sich auch selbst teilweise untereinander gegenseitig bekämpften. Um schließlich von einer von vielen Gruppierungen zu deren Zwecken verwurstet zu werden - und zwar zum Zwecke von gruppeninternen Definitionen, die nach langem sinnlosen Hin und Her erst im 20. Jahrhundert zu Wahrheiten erhoben wurden. Aber hey: Das ist die Bibel. Und wir bestimmen, was echt daran ist - auch wenn es bedeutet, sie als Gottes möglichst einfache Offenbarung an die Menschen zu zerfleddern. Wir sind hier die dogmalosen Experten.

Womit wir wieder beim Begriff "Häretiker" wären. Denn diese stützten ihre Lehren nicht aus der Katholizität (καθολικός katholikos "allgemein", "das Ganze umfassend") der Glaubensüberlieferung, sondern pickten immer bestimmte Einzelaspekte heraus (womit wir wieder bei αἵρεσις hairesis "die Schule", "die (Aus)Wahl" wären) und verabsolutierten die eigenen Meinungen daraus so sehr, dass es innerhalb der Kirche zu Selbstisolationen und Spaltungen kam. Und bei den Zeugen Jehovas ist das wirklich so krass, was sich da von spontanen Entscheidungen, die sich immer nur intern abspielten, um anschließend als absolute - für Forscher paradoxerweise diskussionslose - Wahrheit verkündet und verpflichtend gemacht zu werden.


Und nun kommen wir zu der Sache mit dem Kreuz. Denn dort wird ebenfalls nach dem Muster "Das steht dort SO aber nicht, also muss es SO sein wie wir es sagen!". Und hier wird auch das Entstehen der internen Dogmatik deutlich, die den traditionellen Glauben entstellt - statt ihn wiederherstellt, wie sie es von sich behaupten.

Ja, der griechische Begriff σταυρός (stauros) bedeutet wirklich streng übersetzt Pfahl oder Stamm. Genau so, wie das lateinische crux "Folterinstrument" (von cruciare "foltern" oder "quälen") bedeutet. In beiden Fällen ist genau genommen nirgends die Rede von einem Kreuz mit Querbalken. Und trotzdem werden beide Begriffe im Sinne des "Kreuzes" verwendet. Man muss hierzu auf die Entwicklung von Sprache schauen. Und wie gleiche Begriffe auch im erweiterten Sinne weiterverwendet wurden. Ein Beispiel wäre im Deutschen der Begriff Zug bzw. Eisenbahnzug. Im Althochdeutschen bedeutete das ursprüngliche Wort so viel wie "Bewegung, Ziehen", im 16. Jahrhundert wurde daraus eine "ziehende Menschengruppe" bzw. ein Begriff für den Soldatentreck - ab dem 19. Jahrhundert ging dann der Name auf die aneinander gekoppelten Wägen an der Eisenbahn über, heute versteht man darunter den Schienenverkehr allgemein.

Der Ursprung des Kreuzes, das auch als "Schandpfahl" bekannt ist, liegt in einem öffentlichen Folterinstrument um 1.000 v.Chr. im Orient, wurde aber auch von Griechen und Karthagern genutzt. Anfangs wurden die Verurteilten lediglich daran gefesselt, später kam das Annageln von Gliedmaßen. Dass es sich aber alleine um einen einzigen Pfahl handelte, alleine weil der Begriff σταυρός  benutzt wurde, muss an dieser Stelle durch die Tatsache zerstreut werden, dass es mehrere Arten von Hinrichtungen durch Befestigung an einen Pfahl gab - mit oder ohne Querbalken oder direkt an einem Baum, wobei der Begriff arbor crucis ("Kreuzesbaum") oder arbor infelix ("Unglücksbaum") auch auf die künstlich aufgestellten Vorrichtungen übertragen wurde. Warum es sich also unbedingt um einen Pfahl ohne Balken handeln soll, bleiben uns Jehovas Zeugen an dieser wie auch anderen Stellen schuldig.

Die beiden Begriffe arbor crucis und arbor infelix, die von den Römern als weitere populäre Bezeichnung verwendet wurden, verweisen außerdem eher auf die Verästelung eines Baumes, was eher an einen Pfahl mit Querbalken denken lässt. Auch hinrichtungstechnisch macht es mehr Sinn, da hiermit der Todeskandidat nicht nur länger zu Tode gequält und der Öffentlichkeit aufgestellt werden konnte, sondern sich auch schwerer gegen Raubvögel wehren konnte, die ihn irgendwann begannen zu belästigen. Eine nettes Bild dazu stellt das sogenannte Alexamenos Graffito dar, das um 200 n. Chr. an eine Wand am Palatin in Rom geritzt wurde, um einen Christen und seinen Glauben zu verspotten. Das Bild zeigt: Eine Person vor einem Menschen mit Eselskopf - der an einem Kreuz mit Querbalken befestigt ist:



Dazu kommt noch der Gebrauch in der frühen Kirche. Im zweiten Jahrhundert tauchen bei Kirchenvätern wie Tertullian und Laktanz explizit Nennungen eines kleinen Kreuzzeichens auf (auch in Reaktion auf den scheinbaren Konflikt zwischen mündlicher und schriftlicher Tradition). Eine typographische Besonderheit stellt übrigens auch die Nutzung des Staurogramms dar, das zwischen dem 2. und 3. Jahrhundert in Alexandrien entstandene Papyrus 75 bzw. Papyrus Bodmer XIV-XV als symbolisches Kürzel (Ϲ⳨ΟΝ ) im Wortinneren von σταυρόν in Lk 14,27 verwendet wurde.



Natürlich können jetzt die Zeugen Jehovas mit dem Argument kommen, dass es sich hierbei um eine Fehlentwicklung oder gar eine pagan-kultische Korruption der Christen handelt. Denn das Wort σταυρός kann ja nichts anderes als "Pfahl"  bedeuten, womit alle anderen Bezeichnungen unchristlich oder zwingenderweise heidnisch sind.
Was natürlich ein Problem in sich darstellt: In dieser Periode der frühkirchlichen Tradition wurden die Heiligen Schriften endgültig editiert und für den kirchlichen (!) Gebrauch festgelegt. Wenn das Christentum an dieser Stelle korrumpiert wurde, hätte dies nicht Auswirkungen auf den Text, auf den sich die Zeugen Jehovas heute beziehen?
- Oh ja stimmt. Sie haben ja (auf irgendeine Weise) herausbekommen, wie der echte Glaube funktioniert und alles in der Neue-Welt-Übersetzung korrigiert. Und wir haben ja auch "ältere" koptische Versionen. Problem gelöst.

Denn dazu kommt noch zusätzlich der Vorwurf, dass es sich bei dem Kreuz um ein heidnisches Symbol handle. Dazu muss man sagen, dass es sich hierbei um eine letztes Aufbäumen durch Anschwärzen handelt im Sinne von: Lass die Finger davon, das haben Heiden angefasst. Oder: "Du trinkst Wasser?! Hast du nicht gewusst, dass Hitler auch Wasser getrunken hat!?!" Bei dem Kreuz als formal geometrisches Symbol handelt es sich um ein einfach zu zeichnendes Zeichen, das praktisch überall auf der Welt verbreitet ist, aber mit dem Christentum nochmals eine besondere signifikante Bedeutung bekommen hat. Im Vergleich mit der Bedeutung im Römischen Reich ist ein Vergleich mit heidnischer Fruchtbarkeitssymbolik wirklich nur noch lächerlich. Auch weil man den selben Witz genauso gut  mit einem Pfahl machen kann.

Dass übrigens gerade Konstantin für das Kreuz ein Symbol des sumerischen Gottes Tammuz (bzw. Dumuzid) benutzte ist an dieser Stelle eigentlich nur noch als hanebüchen zu bezeichnen. Zum einen weil Konstantin irgendwie zum Buh-Mann für allen möglichen Verschwörungs-Bockmist herhalten muss, zum Beispiel für angebliche Bibelfälschungen. Vor allem aber weil betreffende Abbildungen von Tammuz mit einem "Kreuz" oder Szepter nicht im römischen, sondern im älteren vorderorientalischen Kulturkreis vorkommen. Auch gibt es zu bedenken, dass mit dem Bau der Geburtsgrotte in Bethlehem scheinbar dessen Kultzentrum als nun romanisierter Adonis-Tammuz zerstört wurde, das Kaiser Hadrian errichtet hat, um die Christen vom Besuch wichtiger Stätten abzuhalten, wie Hieronymus in seinem zweiten Brief an Paulinus berichtet. Wie auch beim Venus-Tempel über dem Gelände der Kreuzigungsstätte, der ebenfalls unter Konstantin und seiner Mutter Helena abgerissen wurde, um der Grabeskirche Platz zu machen. Genauere Beweise, in wie fern oder ob überhaupt Kaiser Konstantin in eine Tammuz-Verehrung verwickelt war, bleiben uns Jehovas Zeugen auch hier schuldig. Stattdessen folgen immer wieder Versuche, einem mit dem Argument des angeblichen Götzendienstes ein schlechtes Gewissen zu machen. Als allerletztes Totschlagargument.


Doch das war ironischerweise nicht immer so. Und hier kommen wir zur Entstehung der "Überzeugungen" der Zeugen Jehovas. Denn das Kreuz war bei ihnen bis 1931 auf dem Wachturm-Magazin explizit verwendet worden, 1936 hat man sich offen davon losgesagt. Auch auf dem Pyramidenmonument (auch eine lustige Geschichte, übrigens der Grund für diverse Freimauerei-Vorwürfe) in der Nähe des Grabes von Wachturm-Gesellschaft-Mitbegründer Charles Taze Russell kann man es übrigens noch bis heute sehen.
  



Russell benutzte in seinen Vorträgen offen das Bild der Gekreuzigten; auch wurde noch 1929 von Jehovas Zeugen gelehrt, dass Jesus am Kreuz starb. Russells Nachfolger Joseph Rutherford sagte noch darüberThe cross of Christ is the greatest pivotal truth of the divine arrangement, from which radiate the hopes of men. ("Das Kreuz Christi ist die größte zentrale Wahrheit der göttlichen Vorsehung, von dem alle Hoffnung des Menschen ausgeht.")

Warum also trennten sie also sich so plötzlich davon?

Wegen einer subjektiven Entscheidung innerhalb der Gruppe.

Ernsthaft.


Die Argumentation, das Kreuz als christliches Zeichen abzulehnen, ging von obig genannten Joseph Rutherford aus, der Jahre zuvor es noch in allerhöchsten Tönen gepriesen hat. 1932 tauchte in seinem Büchlein "What is Truth?" die Darstellung eines Christus am Pfahl auf, 1933 stellt er die Behauptung auf, das Kreuz sei seit Konstantin ein blasphemisches Zeichen. 1936 schließlich wurde die Ablehnung formal abgegeben, bei der auch die aggressiv antikatholische Haltung Rutherfords zutage tritt.


Und das hat ihn auch dazu gebracht, Zitate aus fiktiven Romanen als bare Fakten zu verkaufen. In der Schrift The Golden Age zitiert er 1934 aus dem 1903 erschienen Roman When It Was Dark von Guy Thorne. Eine seiner Hauptquellen bildeten die Companion Bible Appendixes des anglikanischen Geistlichen E. W. Bullinger, der nicht nur lehrte, dass Jesus an einem Pfahl gestorben sei (siehe Punkt 162. Hier tauchen übrigens auch die angeblichen paganen und phallischen Symboliken auf), sondern auch die Ganztodtheorie, die ebenfalls von den Zeugen Jehovas vertreten wird.

Wir sind an dieser Stelle an einen Punkt angelangt, an der sich das abzeichnet, vor dem der Apostel Paulus (2Tim 4,3-4) gewarnt hat: Die ursprüngliche Lehre wird zugunsten einer im Gesamten in sich paradoxen radikal-biblizistisch-modernistischen Auslegung und eines bis zur Selbstverstümmelung gehenden Antikatholizismus über Bord geworfen. An deren Stelle die Privatmeinungen einer selbsternannten Expertengruppe als letzte absolute Wahrheit treten, die man versucht, anderen Leuten mit Überredungen und schönen Reden anzudrehen.

Wir haben es hier ebenfalls mit einer Lehre zu tun, die ständig in Veränderung begriffen war. Auch in der katholischen Theologie kam es immer wieder einmal zu Neuentwicklungen von Betrachtungs- und Frömmigkeitsformen. Doch ist der dogmatische Kern nie anhand oberflächlicher und sensationalistischer Lesearten wirklich verändert worden. Christus ist gestorben und auferstanden, er ist der Mensch gewordene Logos, das Petrusamt hatte schon immer einen Ehrenvorsitz, Häresien wie Arianismus (von denen die Zeugen Jehovas lediglich eine modifizierte Version darstellen) und Nestorianismus haben sich nie wirklich umfassend durchgesetzt und wurden von der Mehrheit der Kirche als Fremdkörper abgelehnt.

Die Überlieferung der Kirche, die aus schriftlicher Tradition (von der auch Johannes sagte, dass diese unmöglich alles fassen könne, was geschehen ist und sich daher mit den übrigen Evangelisten auf das Wesentliche konzentrierte), die mündlicher Tradition und Lehramt besteht, ist eine Lebendige Tradition. Die Tradition der Zeugen Jehovas (wie auch die der meisten protestantischen Gruppen) besteht darin, eine These durch literarische Verrenkungen (bzw. Sinnentfremdungen) anzugleichen - als ob man die Bibel bis zum Auftreten dieser Personen niemals wirklich verstanden hätte, was auch wiederum ein bizarres Licht auf die Göttliche Offenbarung wirft. Besonders wenn man sich Übersetzungen von obskuren Persönlichen bedient, bei denen man scheinbar erst viel zu spät merkte, dass es sich bei diesen um Okkultisten handelte (erinnert ihr euch noch an die Sache mit dem artikellosen θεοσ?), um diese dann anschließend als Beispiel für den schlechten Einfluss der katholischen Kirche auszuschlachten.

Bei Luther war es die Rechtfertigung durch den Glauben alleine, die ihn zu absichtlichen Fehlübersetzungen der Schrift brachten. Bei Zeugen Jehovas ist es die Schaffung eines hermetisch dichten Systems, das letztendlich jeden Anschluss an die Realität der Kirche, durch die Christus gewirkt hat, wirkt und wirken wird, verloren hat und noch immer damit beschäftigt ist, dies als Normalzustand darzustellen. Unter dem Deckmantel eines "ursprünglichen Glaubens", wie er auch von tausenden weiteren Spaltungen innerhalb des Protestantismus angeblich vertreten wird - ohne sich letztendlich einer Meinung zu sein, die diese Spaltungen vielleicht überwindet könnte.

Dies ist wirklich der Buchstabe, der tötet (2 Kor 3,5-6)


Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich:
Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung!
Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln;
und man wird von der Wahrheit das Ohr abwenden, sich dagegen Fabeleien zuwenden.
Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verrichte dein Werk als Verkünder des Evangeliums, erfülle treu deinen Dienst!
2 Tim 4,3-6



Empfehlenswerte Homepage mit weiteren Ausführungen:
- JWfacts.com Englische Auseinandersetzungen mit dem Gedankengut der Zeugen Jehovas



Freitag, 17. Mai 2019

Martyrer zwischen Weinreben: Die Kapelle des Heiligen Pantaleon in Oberrotweil-Niederrotweil am Kaiserstuhl




Hinter dem Kaiserstuhl beim badischen Emmendingen im Schwarzwald befinden sich Richtung Rhein die beiden Ortschaften Oberrotweil und Niederrotweil mit der Wallfahrtskapelle St. Pantaleon, die man deutlich an einem Berghang erkennen kann, wenn man von Ober- nach Niederrotweil fährt. Diese kleine Gotteshaus hat eine außergewöhnliche - und bisweilen auch etwas gruselige - Geschichte aufzuweisen.

Die Kapelle beherbergt eine kleine Reliquie des Heiligen Pantaleon, eines christlichen Arztes, der 305 in Nikiomedia (heute das türkische Ismit) unter der Verfolgung Kaiser Diokletians starb, nachdem ihn neidische Kollegen bei den Behörden anzeigten. Die Verehrung Pantaleons, dem beide Hände an den Kopf genagelt wurden, da er sich weigerte, bei den Göttern zu schwören, und anschließend geköpft wurde, breitete sich rasch in Kleinasien aus. In der Ostkirche wird er unter dem Namen Pantalemon ("der Allerbarmer") als Großmärtyrer verehrt, der bis zum letzten Atemzug nicht nur Kranken unentgeltlich half, sonder auch für seine Peiniger betete. Seine heute zerstörte Grabeskirche befindet sich im Ismit, das übrigens auch Schauplatz weiterer Martyrien wurde.

Seine Verehrung im Westen lässt sich erstmal 708 nachweisen. Eine große Förderin des Heiligen Pantaleon war die griechische Prinzessin Theophanu, die Ehefrau und Mitkaiserin Kaiser Ottos II., von deren Sohn Otto III. der Kaiserstuhl seinen Namen hat. Bestattet wurde sie übrigens in der Basilika St. Pantaleon in Köln. Im Westen zählt Pantaleon auch zu den Vierzehn Nothelfern, was ihn in der Bevölkerung noch bekannter machte. Dazu kamen noch diverse Blutwunder.


Die Reliquie in der Niederrotweiler Kapelle wurde 1769 gestiftet von Monsignore Rezzonico, dem Neffen von Papst Klemens XIII. Initiiert wurde diese Schenkung durch Prinzessin Elisabeth von Baden-Baden, der letzte Angehörigen der katholischen Linie des Hauses Baden, die damals in Riegel am Kaiserstuhl residierte. Doch eine Kapelle gab es schon lange davor, das Alter lässt sich jedoch durch den kriegsbedingten Verlust von Dokumenten nicht mehr bestimmen. Obwohl der ursprüngliche Bau im Dreißigjährigen Krieg größtenteils zerstört wurde, pilgerten die Menschen der Umgebung trotzdem an diesen Ort. Dekan Franz Nicolaus Wilhelm (1670-1744), ein aktiver Förderer der Liturgie und der Volksfrömmigkeit, der bis heute in Niederrotweil in Ehren gehalten wird, beobachtete 1735 dieses Phänomen. Auch fünf Meldungen von Heilungen auf Fürsprache des Heiligen Pantaleon untersuchte er gründlich, bis 1743 kamen noch 42 Meldungen weitere hinzu. 1741 wurde der Neubau der Kapelle vollendet, 1735 war bereits von Wilhelm ein Kreuzweg errichtet worden, der 1892 auf den kurzen Weg von Niederrotweil aus verlegt und durch neuere Stationen ersetzt wurde, die noch heute vorhanden sind.



1837 beschloss man die (absichtlich) stark vernachlässigte Kapelle nach einem starken Hagelschaden zu versteigern und abreißen zu lassen. Das "absichtlich" steht hier bewusst in Klammern. Schon 1811 wurde die Loretto-Kirche auf dem Eichenberg bei Oberrotweil (1739 ebenfalls von Dekan Wilhelm  errichtet) abgebrochen, nachdem sie absichtlich von den Behörden vernachlässigt wurde. Dieses Vorgehen hatte im Sinne der "wessenbergischen Reformen", die auf den Ideen des Josephinismus von der Abschaffung von kirchlichen Feiertagen und Wallfahrten fußten, bereits Methode - begründet durch einen konstanzer Bistumsverweser, der explizit wegen der versuchten Herstellung einer deutschen Nationalkirche vom Papst als Bischof abgelehnt, aber von der Badischen Regierung weiter geschützt wurde (ein paar nette Zitate von ihm sind übrigens hier zusammengestellt worden). Dieser Plan konnte einzig durch den Widerstand der Bürger von Rotweil und ihrer Bereitschaft, selbst für die Pflege der Kapelle zu sorgen, verhindert werden.

In der Kapelle waren bis zur Renovation 1960 mehrere Votivtafeln vorhanden, von denen viele aus dem benachbarten Elsaß stammten, von denen auffällig viele Pilger bis Ende des Ersten Weltkriegs pilgerten. Von diesen Tafeln sind heute nur noch die Kopien von fünfen zu sehen. Auch von der alten Klause, die sowohl materiell wie auch geistig immer mehr zerfiel, ist heute nur noch eine kleine Fensteröffnung im Chor übrig geblieben. Eine Ansiedelung von Kapuzinern scheiterte in den 1930ern.


Nun zum gruseligen Part. Im Hauptaltar, der 1737 von General Roth, Kaiserlicher Kommandant zu Breisach, gestiftet wurde, befindet sich der Schrein mit einem Skelett. Kein echtes Skelett, sondern ein Skelett aus Holz, das 1769 vom Freiburger Bildhauer Anton Xaver Hauser eingefügt wurde (für ein besseres Bild, klicke hier). Im Gegensatz zu den echten Skeletten, den sogenannten "Katakombenheiligen", die in der Gegenreformation als Ersatz für die zerstörten Reliquien von Rom aus nach Deutschland kamen und im Stil der Barockzeit regelrecht als liegende, sitzende oder stehende Personen inszeniert wurden, handelt es sich hier um ein Imitat, in das die Pantaleon-Reliquie eingefügt wurde. Diese hatten den Sinn, die Gläubigen zu einer bewussteren Andacht anzuleiten, die vielleicht mit einem Partikel, so echt er auch sein konnte, irgendwie wenig anfangen konnten. Dazu passte ein liegendes bekleidetes Skelett mit stilisiertem Palmzweig schon eher, um auch die Reliquie eine für die Besucher in geeigneter Weise zu präsentieren und neben dem Tod, der jeden eines Tages erreichen wird, auch die Herrlichkeit der Heiligen bewusst zu machen. Eine Sache, die heute garantiert kein Promi hinkriegen wird - egal wie makaber sich dieser anstellen würde.



Der wichtigste Wallfahrtstag findet am Pantaleonssonntag statt, dem Sonntag nach dem 27. Juli, dem der Gedenktag des Heiligen Pantaleon, begangen wird. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges findet an dem Tag auch eine Pferdesegnung statt. Zur Anmeldung geht es hier.

Die "Kleine Wallfahrt" beinhaltet das Begehen des Kreuzweges vor der Kapelle.

Gütiger Gott, aus deiner Hand empfangen wir Leben und Glück. Wir danken dir für die Freude, die Du uns jedes Jahr am Fest deines Heiligen Märtyrers Pantaleon schenkst. Erhalte uns diese Freude und die Treue zu Deinem Sohn, unseren Bruder und Herrn, der mit Dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Schlussgebet aus der Wallfahrtsmesse




Zu empfehlende Lektüren, die als Quelle dienten:
- Wallfahrt zum Heiligen Pantaleon in Oberrotweil am Kaiserstuhl - Ein Wallfahrtsbuch zur Entstehung und Geschichte. Mit Gebeten und Liedern. Katholisches Pfarramt Oberrotweil am Kaiserstuhl, 1998. Zu erwerben in der Pantaleonskapelle oder über Anfrage beim Pfarramt.
- Hermann Bromer (Hrsg.): Wallfahrten im Erzbistum Freiburg. Verlag Schnell & Steiner, 1990. ISBN: 978-3-7954-0850-3. Da das Buch inzwischen vergriffen ist, wird eine Bestellung bzw. Anfrage in Antiquariaten oder auf Amazon empfohlen.