Samstag, 30. März 2019

Das Geheimnis des Benediktus-Kreuzes



Eine kleine Betrachtung von Sakramentalien. Oder warum Gott gerne triggert. 


Ein absoluter Geheimtipp unter den sogenannten Sakramentalien stellt die Benediktus-Medaille dar. Auf der Vorderseite zeigt sie den Heiligen Benedikt von Nursia, nach dem die Medaille benannt wurde, die Rückseite ein "griechisches" Kreuz - also ein Kreuz mit vier gleich langen Querbalken - im Großformat.



Besonders seit dem "Redesign" im Jahre 1880 aus der Werkstatt der Beuroner Kunstschule stellt man sich hierzu gerne mal eine Frage: War bei einer so detaillierten Darstellung das Kreuz des Heiligen Benedikts eine echte Kreuzesreliquie? Und wo wird sie heute aufbewahrt?

Sollte sich schon jemand im Stile von Indiana Jones die Mühe gemacht haben, nachzugoogeln oder für den Fall einer "verschollenen Reliquie" darüber nachdenkt, die Schaufel aus dem Schuppen zu holen, dann muss man ihn an dieser Stelle leider enttäuschen: Eine solche Reliquie ist nicht vorhanden - anders als beispielsweise beim Ulrichskreuz.

Es gibt zwar Überlieferungen, dass der Benedikt-Schüler Maurus eine Kreuzesreliquie nach Frankreich brachte (nach ihm ist übrigens auch der Maurussegen benannt), jedoch ist von einem Gebrauch durch den Hl. Benedikt selbst davon nichts bekannt und dürfte wahrscheinlich eher aus einer etwas späteren Schenkung an die Mönche Benedikts stammen. Und Benedikt hat schon lange vor der Entwicklung seiner Ordensgemeinschaft Wunder "durch das Zeichen des Kreuzes" gewirkt.

Doch noch einmal zurück zur Darstellung auf der Medaille. Die derzeit verbreitetste Form ist die obig genannte  Jubiläums-Medaille von 1880. Entworfen wurde sie von Desiderius Lenz, Mitbegründer der sogenannten Beuroner Kunstschule und später selbst Mönch der wiederbelebten Erzabtei. Dessen Werkstatt war vor allem für historisierende Darstellungen bekannt, jedoch nicht wie im bisherigen klassischen Historismus, sondern in einem am Jugendstil näheren freieren Stil, der die Darstellungsweise antiker Kulturen imitiert und daraus neues schafft. Vor allem die "ägyptischen" Skulpturen machen das deutlich. Und die selbe Technik wurde auch auf die Benediktus-Medaille angewendet, um ihr scheinbar einen mehr "romanischen Charakter" zu verleihen wie dem Wiener Reichskreuz oder dem liturgischen Kreuz, dass König Knut der Abtei von Hyde stiftete.



Davor wurde das Benediktus-Kreuz als mehr barockes Tatzenkreuz (im Folgenden müsste man auch der Möglichkeit eines sogenannten Weihekreuzes nachgehen) dargestellt, was mit dessen Wiederentdeckung im Jahre 1647 zu tun hat. Schon davor wurde Benedikt mit einem Kreuz dargestellt, genauer gesagt mit einem Stabkreuz. Papst Leo IX. - geboren als Bruno von Egisheim-Dagsburg, Papst von 1048 bis 1054 - berichtete von einer wunderbaren Heilung von einer tödlich verlaufenden Krankheit. Nach zwei Monaten immer schlimmer werdenden Zustandes erschient ihm eines Tages im wachen Zustand "ein ehrwürdiger Greis, der auf einer leuchtend durchsichtigen Leiter vom Himmel stieg". Dieser Greis führte einen Stab bei sich, der in einem Kreuz mündete, das er Bruno auf das Gesicht, sowie auf die erkrankten Körperteile legte und dann in den Himmel zurückkehrte. Leo wurde plötzlich wieder gesund und identifizierte auffälligerweise sofort den Heiligen Benedikt als den Mann in der Erscheinung.

Im Laufe der Zeit kamen scheinbar weitere Traditionslinien hinzu, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit gerieten. Bis zu den Ereignissen von 1647. Bei Kloster Metten in Bayern (das oft in der Überlieferung als "Kloster Natternberg" bezeichnet wird) gaben zwei Frauen, die der Hexerei beschuldigt wurden, an, sie hätten an Orten, an denen das Kreuz vorhanden sei, keinen Schaden anrichten können - besonders nicht am Kloster, von dem ein besonderer Schutz ausgehe. Erst durch die Nachforschungen der Behörden, was hinter den Aussagen der zwei Beschuldigten stecke, kam heraus, dass im Kloster bestimmte Kreuze mit Aufschriften vor langer Zeit an die Wände gemalt wurden. Doch davon und von dessen Bedeutung wussten nicht einmal mehr die dort lebenden Mönche. Nach weiterem Nachforschungen stieß man in einem alten Codex, der heute als die Mettener Armenbibel (der auch auffälligerweise den Figurengedichtezyklus De laudibus Sanctae Crucis von Hrabanus Maurus enthält) bekannt ist, auf die Bedeutung dieser Buchstaben - die einen Mönch mit Stabkreuz und Schriftrolle zeigten, der als der Heilige Benedikt identifiziert wurde. Diese Geschichte schlug so hohe Wellen, dass eine Abbildung des Kreuzes als Medaille - damals Benediktspfennig genannt - weite Verbreitung fand und nach plötzlichen Wunderheilungen explosionsartig in ganz Europa bekannt wurde. Nach sorgfältiger Prüfung fand sie ihre offizielle Bestätigung und Empfehlung durch Papst Benedikt XIV. in den Jahren 1741 und 1742, wo er scheinbar nach mehreren volkstümlichen Erweiterungen der Medaille selbst deren Originalzustand anmahnte.

So weit zur Darstellungsgeschichte der Medaille. Aber worauf geht das Benediktuskreuz zurück, wenn kein solches materiell vorhanden war?

Man muss dazu auf dessen Charakter als Sakramentalie hinweisen. Bei Sakramentalien handelt es sich (im Gegensatz zu den aus sich selbst wirksamen und in Christus direkt verankerten Sakramenten) um "Gegenstände zum frommen Gebrauch", die meist mit einem Segen verbunden sind und von der Kirche ausgegeben werden zur Förderung des frommen Gebrauchs der Gläubigen und zur Vertiefung des Glaubenslebens, das zugleich immer auch ein Gnaden- und Gebetsleben sein muss. Die Sakramentalien sind dabei notwendigerweise immer mit dem Gesamtleben der Kirche verbunden (Rosenkranz: Betrachtung des Lebens Jesu, Weihwasser: Verbindung mit der Taufe und dem alles wie Wasser durchdringenden Wirken des Heiligen Geistes, Medaillen: Einbezug der Gemeinschaft der Heiligen).

Jetzt schauen wir uns die Inschriften auf der Rückseite der Benediktusmedaille genauer an, die auch so im Mettener Codex auftauchen:

Auf dem Kreuz, dem Stab:
CSSMLNDSMD - Crux Sacra Sit Mihi Lux Non Draco Sit Mihi Dux
Das Heilig Kreuze sei mein Licht, der Drache sein mein Führer nicht. 

Auf dem Medaillenrand, der Schriftrolle:
VRSNSMVSMQLIVB - Vade retro Satana Nuq Suade Mihi Vana Sunt Mala Que Libas Ipse Venena Bibas.
Weiche Satan! Verführe mich nicht zur Eitelkeit! Schlecht ist, was du mir einträufelst. Trinke selbst dein Gift! 

Die Inschriften nehmen auf das Zeichen des Kreuzes direkt Bezug. Nicht als aus sich selbst wirkendes Bild, sondern als Abbild des Heiles, das Gott in der sichtbaren Welt unter sichtbaren Zeichen verborgen gewirkt hat - im Gegensatz zum Satan, der als greller Chaosstifter und Verwirrer gekennzeichnet ist. Als dieses Zeichen des Heils taucht das Kreuz bereits in der Kreuzestheologie des Paulus (vgl. u.a. 1 Kor 1,17-25) auf. Auch wird es vom Kirchenvater Cyprian von Karthago (Bekenntnisse 2,21-22) als das Siegel auf der Stirn der Gläubigen in der Johannes-Apokalypse (vgl. Off. 7,3; 14,1; 22,4) gedeutet in Verbindung mit Ezechiel 9,4, in der ein Tau (Τ)auf die Stirn der Menschen gezeichnet werden soll, um sie vor dem kommenden Strafgericht zu schützen.

Auch bei anderen Kirchenväter taucht es immer wieder explizit auf. Laktanz (ca. 250 - ca. 320) spricht in De mortibus Persecutorum ("Über die Todesarten der Verfolger) vom "unsterblichen Zeichen", das sich Christen auf die Stirn zeichnen (ähnlich wie noch heute die Bekreuzigung bei der Verkündigung des Evangeliums bei der Heiligen Messe), Tertullian (nach 150 - nach 220) beschreibt in seinen Werken De Corona Militis ("Über die Krone des Soldaten") und Ad Uxorem ("An seine Frau") das Kennzeichnen von Alltagsgegenständen mit dem Kreuz. Ausführlicher predigte später Johannes Chrysostomos über die weite Verbreitung des Kreuzes in der nun christianisierten Gesellschaft. Aber auch von dessen erwiesener exorzistischer Wirkung wird immer wieder berichtet, wie obig bei Laktanz, wo okkultistische Opferbeschauungen der Heiden nicht zur Wirkung kommen können, oder bei, der von der alleinigen Kraft des Kreuzes als Geste bei Exorzismen berichtet, bei dem Dämonen immer mehr geschwächt werden, da sie das Kreuz als Zeichens des Triumphes über sie selbst nicht ohne Wirkung ignorieren können.

Und genau diese Merkmale sind es, die das Leben des Heiligen Benedikt mit der Medaille verbinden. Denn nach dem Bericht von Papst Gregor dem Großen (ca. 540 - 604), der in seiner Sammlung Dialogi de Vita et Miraculis Patrum Italicorum ("Gespräch über das Leben und Wunder der Väter Italiens") dem Wunderwirker Benedikt einen auffällig großen Teil des Werkes widmet, hat Benedikt viele Wunder und Vertreibungen böser Geister, die versuchen, Unheil und Verwirrung zu stiften, durch diese Kreuzesgeste bewirkt, die Gregor mit den Worten extensa manu signum crucis edidit ("er machte mit ausgestreckter Hand das Kreuzzeichen") beschreibt.

Natürlich kann man sich jetzt fragen, was dann das Besondere daran sein soll, wenn ein weit verbreitetes Zeichen plötzlich so viel Beachtung findet. An dieser Stelle muss man nicht nur das Phänomen der plötzlichen Verbreitung einer vergessenen Tradition wie im Falle des Kloster Mettens, sondern auch das Vorwort von Gregors Bericht beachten. Dessen Diakon Petrus wusste im Gespräch mit Gregor scheinbar nicht einmal, dass es in Italien selbst einmal große Heilige gegeben hat, was Gregor zur weiteren Ausführung veranlasst hat. Auch heute noch ist es leider so, dass viele Schätze der Tradition und mit ihnen auch die persönliche Verbindungen mit der Kirche und damit auch mit Gott verschüttet worden sind und meist erst dann wieder zum Vorschein kommen, wenn etwas außergewöhnliches passiert. Da passierte damals oft während der Völkerwanderung, während der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges und seiner Verheerungen, dass vieles erst einmal wiederbelebt werden musste oder erst durch außergewöhnliche Geschehnisse wieder ins Bewusstsein kam.

Seien wir mal ganz ehrlich: Wie viele haben außerhalb von eher konservativen Kreisen der Kirche von der Benediktus-Medaille gehört? Wie viele, die der Kirche fernbleiben und behaupten, sie wüssten über alles bescheid? Wie sieht es mit der Gegenwart Gottes im Altarsakrament aus? Einer echten Beichte? Reue? Einer wirklichen Gewissenserforschung und der Unterscheidung der Geister im alltäglichen Leben?

Wenn man das genauer betrachtet und man selbst gerne dazu tendiert, Dinge aus dem Auge zu verlieren oder beiseite zu schieben (ich bin da übrigens selbst keine Ausnahme), ist man wirklich dankbar für eine Erinnerung, die nicht nur wie ein totes Bild weitere Bilder im Gedächtnis hervorruft, sondern einen regelrechten "Riss in der Welt" (um es mit den Worten von Cordelia Spaemann zu sagen) öffnet, wie ein Stern die Nacht des hektischen, um sich selbst kreisenden Weltgetriebes und des oftmals zynischen Alltags durchbricht und uns an den Wesensgrund unserer Wirklichkeit und der der Heiligen erinnert und verbindet; der keine ungesteuerte Materie ist in einem leeren, letztendlich nihilistischen All, in dem jeder und alles einzig von seinen Begierden getrieben und von denen anderer zerrieben wird, sondern der Herr über alle Materie, sichtbar oder unsichtbar, materiell oder immateriell, ewig seiend und ewig schon vor der Zeit, der Mensch wurde um unseres Heiles willen und die Kirche gestiftet hat, um die Menschen zur Vollendung zu führen.

Danken wir an dieser Stelle dem Herrn für das Vorbild des Heiligen Benedikt, das Heilige Kreuz und dass er immer wieder Wege findet, uns nach Strich und Faden zu triggern, weil wie solche Knalltüten sind und das Grundsätzliche im Leben und im Glauben ständig vergessen.

Allmächtiger Gott, Spender alles Guten, wir bitten dich inständig, dass Du auf die Fürsprache des Hl. Benedikt über diesen Medaillen Deinen Segen ausgießest, auf dass alle, die sie tragen und auf gute Werke bedacht sind, Gesundheit des Geistes und des Leibes, die Gnade der Heiligung und die verliehenen Ablässe zu erlangen verdienen, dass sie ferner allen Nachstellungen und allem Trug des Teufels durch Deine barmherzige Hilfe zu entrinnen vermögen und einst heilig und unbefleckt vor dein Angesicht treten. Durch Christus, unseren Herrn.
Auszug aus dem Rituale Romanum zur Segnung der Benediktusmedaille





Zu empfehlende Lektüren, die als Quelle dienten: 
- Dom Prosper Gueranger: Sankt Benediktusbüchlein - Die Medaille des Heiligen Benedikt. Sarto-Verlag, 2015. ISBN: 978-3-944858-58-7
-Gregor der Große: Vita Bendicti. Das Leben und die Wunder des verehrungswürdigenAbtes Benedikt - Lateinisch/Deutsch. Reclam 2015. ISBN: 9783-15-019314-3

Zu empfehlende Homepages zur weiteren Lektüre:
- The New Advent: "Sign of the Cross"
- Bibliothek der Kirchenväter