Freitag, 7. Juni 2019

Antikatholische Affekte als Ausrede für EU-Versagen?



Es ist schon beachtlich, was manche Leute tun, um sich ihre Brötchen zu verdienen. Gehörte dazu früher das Anbiedern an bestimmte Schichten und Machthaber, reicht heute ebenfalls in vielen Fällen das Spielen mit Verdachtsmomenten, die - intellektuell, versteht sich - genüsslich ausgeschlachtet werden. Und sich im Bemühen, sicherheitshalber nicht wirklich die Karten auf den Tisch zu legen und damit potentiell Ärger einzuhandeln, wie geistige Epilepsie liest.

Ein solches Beispiel wäre der Artikel "Die katholische Identität huldigt dem Rassismus" von Christian Thomas, der in der Frankfurter Rundschau erschien, der übrigens schon bei der Überschrift versagt. Denn es geht in diesem Artikel nicht wirklich um Rassismus. Aber um Populisten. Und die sind eben rassistsisch wie jeder weiß. Also geht es doch um Rassismus, auch wenn klare aktuelle Beispiele so dermaßen fehlen, dass sie nicht einmal im Artikel vorkommen. Zum Beispiel die potentielle Forderung, den Heiligen Mauritius aus dem Stadtwappen von zu entfernen (was übrigens die eigentlich antikatholisch ausgerichteten Nazis taten) oder Melchior von den Drei Weisen aus dem Morgenland eine neue Hautfarbe zu verpassen.

Und da tatsächlich eine Langzeitanalyse zu dem Thema fehlt - wie der Autor gegen Ende zugibt - wird der Rest des Artikels praktisch nur mit Unterstellungen am Leben erhalten, auch wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass sich gleichzeitig eine Resistenz in Deutschland und dem "katholischen Spanien" gegenüber sogenannten populistischen Parteien abzeichnete.

Und beim "katholisches Spanien" wären wir schon mittendrin, welche Kriterien der Autor gelten lässt. Denn seine These fußt alleine auf der Feststellung, dass es sich bei den Ländern Italien, Frankreich, Österreich und Polen um "katholische Länder" handeln würde. Natürlich werden Länder wie das anglikanische Großbritannien und die reformierten Niederlande außer vor gelassen. Würde ja den Narrativ zerstören.

Die einzige Feststellung wäre also - wenn man die beiden Länder nicht weiter beachten würde -, dass in diesen Ländern rechte Parteien durch Katholiken gewählt werden. No Shit, Sherlock. Das ist schon lange bekannt und könnte man eigentlich beiseite lassen. Aber Nein. Der Autor muss ja noch so etwas wie Arbeit abliefern. Also nicht viel, sondern schlau arbeiten. Oder perfide.



Denn in diesen Ländern wurde "mitmenschenverachtend" gewählt! Jawohl, das ist so furchtbar, dass sogar ein neues Wort erfunden werden musste - so furchtbar ist das! Das hat man doch schon beim Anbiedern der Kirche an Mussolini (na ja...) gesehen und bei General Franco, "als ein Kreuzzug gegen Andersgläubige geführt wurde" (war ja nicht so, dass "andersgläubige" Sozialisten vorher ebenfalls Massaker begangen hätten)! Und es wird ja gemunkelt, "wie sehr Österreich ein katholisches Land sei – und von daher stärker korruptionsaffin als eine in der Tradition des (preußischen) Protestantismus stehende Bundesrepublik" - aber die Bonner Republik war doch auch vom rheinischen Katholizismus geprägt! Welche Wende! Und war die polnische Gewerkschaft Solidarnosc nicht auch katholisch? Wer weiß ob da wirklich eine gewisse Affinität vorhanden ist?

So geht das ganze vor sich hin ohne wirklich auf den Punkt zu kommen (hat es der Autor jetzt von Rassismus, Autoritarismus, Faschismus oder doch eher nur von rechten Populismus, den man formal auch in den Pro-EU-Parteien finden kann?) und mit der Bemerkung, dass keine wirklichen Daten zu dieser Frage vorliegen, um ebenfalls halbwegs intellektuell abzuschließen:

"[...] Chauvinismus und Katholizismus: Was auch immer an Fakten für diese These spricht und was an Fakten dagegen, so hat Europa es immerhin mit einem bemerkenswerten Mirakel zu tun. Das politische Europa schleppt eine bisher unbeachtete, uralte Hypothek mit sich herum."

Gut, das ganze könnte auch eine Art Feuilleton darstellen, der den geneigten FR-Leser irgendwie zum Überlegen bringen soll, weil er sich ja anscheinend sonst keine nennenswert rationalen Gedanken macht. Wofür die offensichtlich halbgaren Überlegungen ein Argument wären. 

Doch man beschäftigt sich nicht wirklich - abgesehen von der angestreiften wirtschaftlichen Lage in den Ländern und einem diffusen linksintellektuellen Identitätsbild - mit den Gründen, WARUM Katholiken diese Gruppen wählen, die bei genauerem Hinschauen nicht wirklich rassistisch sind, sondern deren Hauptaugenmerk auf der Sicherung der Grenzen, der Kritik am politischen Appeasement gegenüber dem Islam und einer deutlichen EU-Opposition liegt, während man lediglich den Anschein einer Analyse des Problems gibt, den wahren Problematiken dieses Themas aber letztendlich aus dem Weg geht.

Während in Deutschland vermeldet wird, dass Angela Merkel wegen ihren "Wir schaffen das!" eine Auszeichnung an einer amerikanischen Universität bekommen hat, gibt es in Europa Menschen, die das ganze ausbaden dürfen. In Italien gibt es eben Menschen, die eben nicht mit einem "aber das könnte doch von Rechten ausgenutzt werden" kommen, wenn es zu offenen Gewalttätigkeiten und sogar Morden durch Migranten kommt - sie wollen, dass so etwas nicht wieder vorkommt, kein "Tatort", der ihnen jede Woche erklärt, dass es zwar Gewalt gibt, man aber fiktiv und theoretisch gesehen humanistisch alles im Griff hat. In Frankreich kommt es immer wieder zu Gewalttätigkeiten von Islamisten, während muslimische Gruppierungen sich damit brüsten, bald die Mehrheit zu sein und sich dort Juden inzwischen immer mehr zurückziehen, sogar auswandern. Wer würde da ernsthaft noch so tun, als wäre alles in Ordnung, nur damit er nicht als "Rechter" gebrandmarkt wird? In Spanien fürchtet man sich vor weiteren Anschlägen und vor dem Ansturm von Flüchtlingen. Und bemerkt immer mehr Ungewöhnlichkeiten - aber Nein, besser Mund halten und sich wie ein braves Schaf keine weiteren Gedanken machen. So möchte man besonders Katholiken sehen, denen man das ansonsten (wie auch Thomas) als genuines Problem unterstellt.

Pro-EU(nicht Europa!)-Politiker, die alles auf ein diffuses Miteinander schieben, wenn man nur alles einer zentralen Stellung überlassen würde, und ansonsten so tun, als wäre alles in Ordnung, solange die Gesellschaft schön brav nach ihren Vorstellungen funktioniert, sind solchen Leuten natürlich herzlich unwillkommen - besonders wenn sie gleich in die rassistische Ecke gestellt werden. Wo auch der Autor sie anscheinend auch gerne sehen möchte und in seinem Chauvinismus anderen massiven Chauvinismus unterstellt.

Einen besonderen Patzer erlaubt sich der Autor schließlich an einer besonderen Stelle

"[...] Es ist nicht auszuschließen, dass im monotheistischen Denken die Vielstaaterei Europas als säkulare Vielgötterei verdammt wird. [...]"


Wenn es eine Sache gibt, die ihm während des Wahlkampfes entgangen ist, dann dürfte das die Frage nach dem Verhältnis der Union mit ihren Staaten und deren Selbstverwaltungsrecht sein. Denn es ist nicht die "Vielstaaterei", die von rechts-konservativen Gruppen abgelehnt wird, im Gegenteil - es ist die Schaffung eines Superstaates, auf den letztendlich alle Hoffnung gesetzt wird und der als einziger Garant für eine Gesellschaft, wie wir sie kennen, propagiert wird. Die "Vereinigte Staaten von Europa" mit einer undurchsichtigen Superbürokratie gegen das "Europa der Vaterländer", die unsprüngliche subsidiare Idee hinter der damaligen EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft), die Charles de Gaulles ins Spiel brachte. Eine "Europäische Armee" aus Einheiten, die nicht einmal das eigene Land stellen kann gegen eine eigenständig funktionierende und überwachte Landesarmee. Die Aufnahme der Dritten Welt in einen schlingernden Wohlstandsstaat unter der Gefahr, dass noch mehr Menschen die damit verbundenen Risiken auf sich nehmen und ertrinken gegen das Schließen der Grenzen, um zu signalisieren, dass es andere Wege geben muss, ohne dass die Dritte Welt zu uns kommt und endgültig ausblutet

Was soll hier "mitmenschenverachtend" sein? Was soll an einem Aufkochen dieser Debatte ein Mirakel sein? Warum sucht man sich ständig nur bestimmte Gruppen als soziologische Zielscheiben?

Dieses Drama ist noch immer am Laufen. Und das Finden einer Lösung wird die ganze Zeit dadurch hinausgezögert, indem man die Gegenseite so weit pathologisiert, sogar dämonisiert, dass man sich praktisch weigert, mit ihnen zu reden, seinen eigenen Standpunkt in Frage zu stellen und sich stattdessen Scheindebatten widmet.

Um seine Brötchen zu verdienen, wie gesagt.


PS: Für dieses Geschreibsel von Apologie werde ich übrigens nicht einmal bezahlt.
Nur mal so am Rande, liebe Journos.



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