Freitag, 19. Juli 2019

Franz Xaver - Inoffizieller Schutzpatron von NINTENDO?


Den alten Jesuiten (nicht den neuen, das ist eine andere Geschichte...) gibt man bisweilen an allem Möglichen die Schuld. Mal haben sie Hitler die Steilvorlage für die Organisation des Dritten Reiches gegeben, ein andermal habe sie den Vietnamkrieg ausgelöst, dann patrolieren sie an den Grenzen der USA, die sie übrigens irgendwie durch die Illuminati selbst gegründet haben und sind auch noch für den Tod von Abraham Lincoln verantwortlich.
Und am Untergang der Titanic sind sie übrigens auch noch schuld.

Nach Ansicht des evangelikalen Youtube-Kanals Little Light Studios kommt nun noch eine weitere Geschichte hinzu: Der katholische Priester und Jesuit Franz Xaver (siehe 3:00), der außerdem die "Inquisition" in Japan einführen wollte, brachte das Glücksspiel (das außerdem einen okkulten Ursprung hat!) mit nach Japan und ist indirekt verantwortlich für den Aufstieg der Spiele-Firma NINTENDO, die ebenfalls okkulte Elemente aufweist und zum Vorbild für weitere fragwürdige Unterhaltungsindustrien wurde.


Neben der Tatsache, dass Little Light Studios auf Clickbaiting setzt mit dem Video-Titel "Demons in NINTENDO", muss gesagt werden, dass sie mit der Feststellung recht haben, dass durch den Jesuiten-Missionar Franz Xaver um 1549 das europäische Kartenspiel nach Asien gekommen ist.

Unterhaltungsspiele zum Zeitvertreib an sich existierten jedoch hier schon lange - wie Kai-Awase (貝合わせ, "zusammenpassen", "sich ergänzen"), eine Art Memory-Spiel mit bemalten Muschelschalen, das bereits im 12. Jahrhundert zu seiner vollen Entwicklung kam, oder das Sammel-Kartenspiel Uta-Garuta (歌ガルタ bzw. 歌加留多, "Gedichtkarten"), das im 13. Jahrhundert entwickelt wurde. Auch Glücksspiele gab es lange vor Ankunft der Portugiesen auf den Japanischen Inseln.

Ob es der Heilige Franz Xaver direkt war, der das Kartenspiel bei sich trug oder Mitglieder der Schiffscrew, die anscheinend schon bald mit den heute unter dem Namen "Ombre" bekannten Spiel mit den Japanern begannen, um Geld zu spielen, dürfte offen bleiben. Für letzteres spricht eben die rasche Verbreitung des spanischen Decks als Glücksspiel; für die erste Version könnte der übliche typisch volkstümliche Austausch der Jesuiten-Missionare sprechen, die schon bald der ansässigen Bevölkerung und den Behörden eines Missionslandes nicht nur das Evangelium verkündete, sondern sich auch rege über Objekte und Innovationen aus Europa austauschten. Auf jeden Fall verbreitete sich das neue Spiel mit den einfachen Regeln und dem geringen Umfang von nur 48 Karten.

Als sich Japan ab 1633 vom Einfluss der Außenwelt isolierte, wurden auch die ausländischen Spielkarten verboten. Da das Verbot jedoch nur europäische Kartendecks und die Ausübung des Glückspiels betraf, wurde schon bald ein eigenes Kartenspiel mit Strategie-Charakter entwickelt, das Hanafuda-Spiel (花札 "Blumenkarten"), das ebenfalls aus 48 Karten besteht und sich bis heute in Japan und Korea großer Beliebtheit erfreut. Dieses Spiel war auch das erste Produkt, das Fusajiro Yamauchi mit seiner Firma NINTENDO 1889 in Kyoto herstellte, 1902 folgten westliche Spielkarten, ab den 1970ern begann die Beschäftigung mit Videospielen.

Zum Anderen muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die Macher dieses Videos noch einige wichtige Kleinigkeiten zum Thema Kartenspiele verschweigen bzw. falsche Verbindungen knüpfen. Dass man lediglich auf die portugisischen "Drachenkarten" (wobei man sich wohl "zufälligerweise" eine scheinbar apokalyptische Teufelssymbolik herausgesucht hat) verweist, dabei unterstreicht, dass sie "dieselben Ursprünge wie die Tarot-Karten" hätten und versucht, Verbindungen zum modernen Okkultismus herzustellen, könnte man im mindesten Falle als außerordentliches Maß an Unwissenheit bezeichnen; im schlimmsten Fall als Perfidie, um eine Art mediale Satanic Panic zu schaffen - was auch in anderen Videos dieses Kanals versucht wird.

Beide Kartenspiele gehen auf eine weit ältere Form zurück, das auch heute noch in Italien unter dem Namen Scopa bekannt ist und dort direkt in vielen Läden wie alle anderen Kartenspielen erworben werden kann. Die Regel ähneln dem Mau-Mau-Spiel, wobei jedoch ganz am Ende derjenige gewinnt, der die Höchste Punktezahl anhand des Kartenwertes erzielt. Dieses Spiel, das aus dem Werten 1 bis 7, Bube, Dame und König besteht, wurde später um weitere Regeln und Motive erweitert - oder von einigen zur abergläubischen Befragung von Kräften oder Geistern verwendet, was jedoch NICHT der ursprüngliche Sinn dieser Karten war. Genauso wenig wie Kaffee deswegen okkult sei, weil es Leute gibt, die angeblich die Zukunft aus dem Kaffeesatz lesen können.

Eine eingehende Analyse zum Thema Tarot selbst (das ursprünglich auch nur ein Kartenspiel zur Unterhaltung war), dessen Ursprung, Umdeutung und Missbrauch findet sich auf dem Blog Weird Catholic von Thomas L. McDonald.

Die Frage, ob Franz Xaver alleine wegen einem Satz Spielkarten, dem neben Unterhaltung unter Menschen kein weiterer Sinn zukam, als Patron der Gamer angesehen werden kann, dürfte an dieser Stelle fragwürdig sein.

Andererseits: Joseph von Copertino wurde wegen seiner Levitationen zum Schutzpatron der Astronauten ernannt, Isidor von Sevilla wegen seiner enzyklopädischen Arbeiten zum (inoffiziellen) Patron des Internets und Franziska von Rom wegen diverser Unfälle zur Schutzpatronin der Autofahrer.

Wäre so gesehen vielleicht trotzdem irgendwie über Rom machbar.


Gott, der Du die Völker Indiens durch die Predigt und die Wunder des heiligen Franz Deiner Kirche beigesellen wolltest, gewähre gnädig, dass wir auch das Vorbild der Tugenden dessen nachahmen, dessen glorreiche Verdienste wir verehren. Durch unseren Herrn.

Oration zum Gedenktag des heiligen Franz Xaver am 3. Dezember




Empfehlenswerte Links:
- Artikel von Weird Catholic zum Thema Tarot
- Japanisches Brettspiel



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