Donnerstag, 29. August 2019

Kardinal Pell: Vom multimedial-liberalen Mob erschlagen?



[…] Das Korrupte, das Dekadente und das Verkommene hat immer das heilige Priestertum Christi gehaßt. Das galt bereits zur Zeit des heiligen Telemachus, dem Eremiten des 5. Jahrhunderts, der sich zwischen die beiden Gladiatoren warf, um sie zu trennen und prompt von der Menge gesteinigt wurde! Und es gilt auch heute im Fall von Kardinal Pell, der in Australien der unerschrockenste Verteidiger der ungeborenen Kinder war, der lange belächelt und verspottete wurde wegen seiner Bemühungen zur Verteidigung der Familie und für die Abschaffung der Ehescheidung ohne berechtigten Grund. […] 

Um die Hintergründe der nochmaligen Verurteilung von Kardinal George Pell zu verstehen, lohnt sich der Artikel des Vatikanisten Marco Tosatti auf katholisches.info - auch weil es sich um eine selbstgeschaffene, selbsttragende Wirklichkeit der Medien handelt, die von vielen geteilt wird und die nach deren Ansicht nicht fallen kann und deswegen nicht fallen darf. Vor allem weil zu viele Karrieren und Traumwelten davon abhängen, wenn das definierte Feindbild vom bösen konservativen Fortschrittsgegner alle anderen Problematiken wegerklärt. Auch wenn dieses "Feindbild" sich aktiv für die Lösung dieser Problematiken eingesetzt hat. Dass die übliche Dynamik, die wir in der letzten Zeit besonders auf geistigem Gebiete beobachtet haben, auch problemlos auf sozio-politischer Ebene funktionieren - dass dürfte trotz erschreckender Bandbreite dieser Gehässigkeit nicht mehr überraschen.


Und diese Gehässigkeit taucht paradoxerweise sofort wieder bei der Diskussion um die Auflösung des Beichtgeheimnisses in Fällen von Pädophilen Übergriffen auf. Einerseits kann man sich fragen, warum ein Pädophiler sein Geheimnis durch jemanden sichern sollte, der weder als Zeuge gegenwärtig gewesen sein dürfte, noch in polizeiliche Ermittlungen Einfluss haben dürfte. In manchen Priesterseminaren wurde die Regelung eingeführt, dass der Seminarleiter nicht mehr direkt die Beichte der Seminaristen hört, weil es schon Fälle gegeben hat, in denen Seminaristen einem Gespräch wegen eines moralischen Zwischenfalles mit dem Leiter einfach einen Riegel vorgeschoben haben, indem sie in kurz zuvor noch einmal um das Sakrament der Buße baten. Eine ähnliche Methoden vermuten auch viele bei den Fällen um Theodore McCarrick. Aber es handelt sich um sorgfältig angelegte Systeme, die nur innerhalb von Seminaren oder Kollegien funktionieren und deswegen wie obig erwähnt ohne Verletzung des Beichtgeheimnisses gelöst werden können.

Trotzdem verkauft man den meisten Menschen, dass die Beichte an sich ein potentieller Hort von Vertuschungen sei, die sonst nicht anders durch die Polizei aufgedeckt werden können. Was jedoch nicht das Beichtgeheimnis als Problemfaktor auflöst, sondern den Priester zum Spitzel macht für eine Behörde, die sich wahrscheinlich alle möglichen Informationen davon verspricht - über Situationen die jedoch in der Beichte nicht nötig sind, gebeichtet zu werden. In welche Richtung der Bruch davon noch gehen könnte (Steuerhinterziehung, öffentliche Sachbeschädigung, etc. was den Staat anpisst) müsste ebenfalls offen bleiben.

Trotzdem verlangen Staat, Medien und Öffentlichkeit danach. Und hier tauchen auch journalistische Aktivisten wie Louise Milligan auf, die sowohl auf Pell öffentlichwirksam einprügelt (und auf in den Sozialen Medien damit nun für sich auch fleißig Werbung und Stimmung gegen Kritiker macht) und trotz Mangel an Hinweisen aktive Hetze betreibt als auch vehement die Abschaffung des Beichtgehemnisses fordert.



Dass sie bereits ein tendenziöses Buch über "den Aufstieg und Fall" von George Pell geschrieben hat, dürfte nicht überraschen; auch dass sie sich - seit ihrer Teenager-Zeit von der Kirche distanziert - alleine durch ihre katholische Erziehung "missbraucht" fühlt. Passagen aus ihrem Buch wurde auch als Aussage vor Gericht zitiert, obwohl die Umstände und Aussagen keinen Sinn ergeben und sich man sich wiederum nur auf den einen und einzigen Zeugen beschränkt, der außerdem immer noch anonym bleiben möchte. Was sie jedoch nicht daran hindert, bei Kritik die Schuld auf Pell und "Leute wie er" zu schieben.

Wie es nun weitergeht, wird die nächste Runde beim Obersten Gerichtshof von Australien zeigen.
Und wenn man auch versucht, sogar das öffentliche Gebet für Kardinal Pell mundtot zu machen - man kann uns nicht alle aufhalten. Und niemand außer Gott kann unsere Messintesionen sehen.




[EDIT: Auf CNA Deutsch ist ebenfalls ein Kommentar veröffentlicht worden.]


Dienstag, 27. August 2019

Eine gottlose Theologie? Benedikt meldet sich noch einmal




Schon die erste Stellungnahme des Papa Emeritus zu den innerkirchlichen Missbrauchsfällen hat Liberale, für die die Meinung, dass es auch Missbräuche des Liberalismus an sich oder ein intrinsisches Böses an sich gibt, eine unverzeihliche Anmaßung ist, zur Weißglut gebracht.

Dass die Ursache dafür in einem Auflösungsprozess, der schon seit Jahrzehnten nicht nur die Institution, sondern mit ihr auch die Moral und die Persönliche Verantwortung vor dem Schöpfer (spätestens beim persönlichen Gericht nach dem eigenen Tode, über das heute ebenfalls nicht mehr gesprochen wird) zersetzt, wird praktisch nirgends von seinen Kritikern näher behandelt.

Auch kirchennahe Journalisten aus anderen Weltgegenden haben dieses Phänomen lange Zeit beobachtet und Auflösungsprozesse erkannt. Wird ebenfalls nicht weiter von größeren Medien oder Lehrstuhlinhabern beachtet oder wenigstens näher analysiert.  Nur eben angebliche Machtinteressen und -absicherungen eines ominösen "Klerikalismus", der bei genauerer Hinsicht erschreckenderweise in vielen Fällen auf die Gegenseite selbst zutrifft.

Nachdem auf die Schwächen der deutschen Moraltheologen bereits eingegangen wurde, ist es nun Benedikt selbst, der sich zu den Reaktionen auf seine Stellungnahme noch einmal zurückmeldete. Und die hat es in sich. Im aktuellen Heft der Herder Korrespondenz (persönlich leider noch nicht vorliegend) befindet sich eine kurze Stellungnahme, die eine lange Vermutung der Kritik-Kritiker nun persönlich bestätigt:

"Soweit ich sehen kann, erscheint in den meisten Reaktionen auf meinen Beitrag Gott überhaupt nicht, und damit wird genau das nicht besprochen, was ich als Kernpunkt der Frage herausstellen wollte."

Dass auch diese Stellungnahme wieder einmal beschwichtigt wird bis zur Subjektivität, hat man innerhalb von Stunden bereits bewiesen. Ansonsten scheint es auch weiter so in der Anstalt zu gehen.

Die Initiative bleibt also meist den Laien oder kleinen Kreisen innerhalb von Gemeinden überlassen, die sich nicht so leicht von Mainstream-Aktivismus in Bockshorn jagen lassen und bemüht sind, ein glaubenstreues Leben zu führen und darin auch die kommende Generation (auch die der zukünftigen Priester und Ordensleute) vorbereiten. Und dafür die eigenen, bewährteren Methoden haben, die heute nur noch im Verborgenen zu passieren scheinen.





Der Georgische Schutzpatron gegen ANTIFA-Aufkleber?




Nur so ein Vorschlag. Sollte aber definitiv kein Argument sein, gleich das nächste Geschäft mit Che Guevara-Shirts abzufackeln.

Mehr über den von der Goergisch-Orthodoxen Kirche 2012 heiliggesprochenen Narren in Christo Gabriel Urgebadze gibt es HIER. Und weil bisweilen viele politische "Ikonen" sakralen Chrakter genießen, sei DAS HIER noch hinterhergeschoben.


Sonntag, 25. August 2019

Das Radolfzeller Münster: Vom heiligen Radolt und "drei Italienern" am Bodensee



Eigentlich war ein Besuch in Radolfzell am Bodensee eher eine Zwischenstation auf den Weg zur Insel Reichenau. In dem (leider bereits vergriffenen) Buch Wallfahrten im Erzbistum Freiburg von Herman Bromer, das mich auf die Kapelle und die Reliquien des heiligen Pantaleon in Rotweil am Kaiserstuhl bereits aufmerksam gemacht hat, wurde bei den nächsten Wallfahrtsorten dieser Ort erwähnt mit ausdrücklichem Hinweis auf eine Schädelreliquie des heiligen Bischofs Zeno von Verona. Was mich natürlich zuerst stutzig machte, denn die Gebeine des Zeno werden bis heute in der Krypta der Basilika San Zeno Maggiore im italienischen Verona verehrt, die ich selbst schon vor einigen Jahren besucht und besichtigt habe.

Dazu kommen noch die Reliquien zweier weiterer Heiliger, der heiligen  Martyrer Senesius und Theopont, die ebenfalls aus Italien stammen sollen. Was natürlich Fragen aufwirft, besonders wenn man an das Auftauchen verschiedenster obskurer Reliquien im Mittelalter denkt. Wie kam die Kirche von Radolfzell an gleich zwei Martyrer UND den Stadtpatron von Verona?

Die Lösung davon liegt im Namen der Stadt selbst. Denn Radolfzell geht auf die Cella - eine Art Klosterzelle oder Rückzugsort für Geistliche und deren Personenkreis von (ab der Aachener Synode von 817) mindestens sechs Mönchen oder Kanonikern mit Oratorium - des heiligen Radolt bzw. Radulph oder Radolf zurück, um die sich bald eine lebhafte Siedlung bildete, wo vorher eigentlich nur Fischer lebten. Ursrünglich wollte er eine bestehende Cella auf der Klosterinsel Reichenau weiterführen, die seinem Vorgänger Egino gehörte, der auch für den Bau der Kirche St. Peter und Paul auf der Insel Reichenau verantwortlich war und dort im Jahre 802 verstarb. Davor war Egino von ca. 780 bis 799 Bischof von Verona, nachdem die Stadt nach dem Langobardenfeldzug 773-774 dem fränkischen Reich einverleibt wurde. Nach einer zweijährigen Sedisvakanz wurde Radolt, der ebenfalls aus edlem alemannischem Hause stammte und ein Vertrauter Karls des Großen war, dessen Nachfolger als Bischof von Verona. Der Geistliche Radolt, der seine Ausbildung auf der Klosterinsel Reichenau erhielt, war es auch, der Egino nach Italien begleitete und Mitglied der Hofgeistlichkeit in Pavia wurde.


Mit der Weihe zum Bischof wurde er auch Hofkaplan von König Pippin von Italien, einem Sohn Karls des Großen, mit dessen Hilfe er zusammen 807 die durch einen Brand zerstörte Basilika San Zeno wiederaufbaute und die Reliquien des heiligen Zeno an ihren heutigen Standort in der Chorkrypta versetzte. Organisatorisch überprüfte Radolt im Jahre 800 auch die Echtheit der Reliquien des heiligen Senesius im Kloster Schienen am Bodensee, um die ein Streit entstand, in den auch König Pippin 801 zusammen mit ihm einschreiten musste, und teilte die bisher dem Bischof alleine zugestandenen Gutseinkünfte in gleichen Teilen auch dem Domklerus, der Dombauhütte und der Armenfürsorge zu. Aus einer von ihm gegründeten Schule ging im 11. Jhd. die berühmte Veroneser Schreibschule hervor. 840 trat er von seinem Bischofsamt zurück. Womöglich waren die Gefahren durch politische Gegner ein Grund dafür. Der auf Seiten Ludwigs des Frommen stehenden Radolt hatte den Kaiser in Konflikten mit den Langobarden unterstützt und 834 an der Befreiung und Rückführung von dessen Frau Judith maßgeblich mitgewirkt. Er zog sich in das heutige Radolfzell zurück und starb dort um 846/847. Im Jahre 1300 wurde er offiziell als Heiliger kanonisiert, seine Gebeine befinden sich in einem (nicht sehr auffälligen) steinernen Sarkophag aus dem Jahre 1538 beim südlichen Seitenaltar. Im Sarkophag werden auch die Gebeine seines Archidiakons Pacificus vermutet, der ihm zur Seite stand und sowohl durch seine Gelehrtheit (ihm wird die Erfindung einer Uhr sowie die Weiterentwicklung eines frühen Kompasses nachgesagt) als auch Standhaftigkeit gegenüber beim damaligen Klerus verbreiteten Wohlstand großes Ansehen verschaffte.



Die Cella wurde bereits schon 826 gegründet und erstmals im Jahre 930 in der Reichenauer Legendensammlung über die Wunder des heiligen Markus erwähnt. Vor seinem formellen Amtsverzicht lebte er dort schon vorwiegend seit 834. Für seine Gründung erwarb er sich wertvolle Reliquien, die er um 830 auf etwas zweifelhaften Weg erwarb - im Sinne dass er sie wahrscheinlich gegen Geld von Mittelspersonen besorgen ließ und noch einmal selbst überprüften musste. Was nach damaligen Verhältnissen tatsächlich öfter vorgekommen sein soll und die örtlichen Verantwortlichen dafür mal das eine oder andere Auge zudrückten; wenigstens wurden die Reliquien nie zurückgefordert. Dazu gehörte eine Reliquie des Evangelisten Markus aus Venedig, die heute im Münster Mittelzell auf der Insel Reichenau verwahrt wird - und die obig genannten Reliquien der Martyrer Senesius und Theopont.


Beide kamen bei der Verfolgung durch den römischen Kaiser Diokletian im Jahre 303 in Nikomedia ums Leben. Es wird erzählt, dass Diokletian zuerst Bischof Theopont zu sich kommen ließ und ihn zum Opfer und zur Anbetung der heidnischen Götter aufforderte. Als sich Theopont weigerte, wurde er verschiedensten Folterungen ausgesetzt, um seinen Willen und damit auch den der christlichen Gemeinde zu brechen, da er ihnen als oberster Hirte und Vorbild vorstand. Dazu sollen unter anderem das Werfen in einen Feuerofen, Aushungern und das Ausstechen seines rechten Auges gehört haben. Schließlich ließ Diokletian Senesius kommen, der damals noch Theonas hieß und als ägyptischer Zauberer und Dämonenbeschwörer tätig war. Nach dem Vorführen seiner Künste (unter anderem das längliche Spalten eines lebende Ochsen durch einen Zauberspruch) bereitete er einen Giftbecher, der Theopont bei einer weiteren Weigerung des Götzendienstes töten sollte. Der Bischof überlebte problemlos den Gifttrank, worauf der Kaiser beide in den Kerker werfen ließ. Dort bekehrte Theopont den Zauberer, der in seinen Glauben an die Götter und die Macht der Dämonen nach diesem Erlebnis erschüttert war, und taufte ihn auf den Namen Senesius - der Erleuchtete. Nach weiteren Folterungen wurde Theopont enthauptet, Senesius in Boden begraben und von Pferden zu Tode getrampelt.



Ihre Reliquien gelangten zunächst in das Kloster Santa Fosca in Treviso, nach dessen Zerstörung 911 durch die Ungarn wurden sie in die Abtei San Silvestro in Nonantola bei Modena gebracht, wo sie heute im "Langobardenschrein" (siehe Museo, Sala 2, der silbern-goldene Schrein in der Bildergalerie) aufbewahrt werden. 1997 hat dieser zusammen mit dem Bischof Don Lino Pizzi zum ersten Mal an der Radolfzeller Prozession teilgenommen. 830 war es auch das Kloster Santa Fosca, wo Radolt lediglich einen Teil (!) der Reliquien erwarb, die er in seiner Cella in Radolfzell unterbrachte, wo sie bis heute aufbewahrt und verehrt werden und wo sie zusammen mit dem heiligen Zeno unter dem Volk als "Hausherren" bekannt wurden. Es bleibt jedoch offen, ob Radolt noch dortige Ansprechpartner und Bekannte für die Erwerbung einer Reliquie hatte, da er bei der Frage um die Echtheit der Reliquie des Klosters Schienen in Jahre 800 im angeblichen Ursprungskloster Santa Fosca überprüfen musste, ob entsprechende Reliquie noch vorhanden war und damit die in Schienen eine Fälschung wäre oder diese nicht mehr vorhanden war und somit die Echtheit zum Teil bestätigt bzw. plausibel wäre. Wobei letzteres eindeutig der Fall war.


Die Schädelreliquie des Zeno gelangte jedoch über einen anderen deutschstämmigen Bischof von Verona nach Deutschland. Um 1052 brachte sie der schwäbische Bischof Walter (Bischof von Verona ab 1037, gestorben ebenda 1055) in die Kaiserpfalz von Heinrich III. nach Ulm, das damals auch (zeitweise) zu den Besitzungen Reichenaus gehörte. 1080 gelangte sie schließlich nach Radolfzell. Jedoch wurde bisweilen auch erzählt, dass Bischof Radolt sie ursprünglich zum Geschenk bekommen habe für den Wiederaufbau der Basilika San Zeno und dem dazugehörigen Benediktinerkloster.


Die Reliquien wurden in verschiedene Behältnisse aufgeteilt. Das größte ist der im Volksaltar des Münsters platzierte "Hausherrenschrein" (15./16. Jhd.), der bei der offiziellen Prozession mitgeführt wird, das im Hausherrenaltar verwahrte "Dreiturmreliquiar" (1310/20), das Bursenreliquiar (spätestens 1501), das nach einigen Vermutungen vielleicht sogar in seiner Originalsubstanz auf Radolt selbst zurückgehen könnte (wie auch Teile des großen Schreins) und im Hochaltar platziert ist und das Kopfreliquiar des heiligen Zeno, das sich in einer Nische in der Nordwand des Münster befindet. Außerdem befindet sich im Ambo eine Armreliquie der heiligen Ursula, die aus einer aufgelösten "Ursulaklause" stammt.


Ursprünglich wurden die Reliquien in einer eigenen Kammer hinter dem Hochaltar aufbewahrt, der 1466 geweiht und 1649 abgebrochen und einen neuen Hochaltar ersetzt wurde. Die Kammer mit Büstenreliefs der Martyrer Senesius und Theopont und den zwei Gucklöchern ("Oculi") ist heute immer noch erhalten. Über die Oculi konnte die Pilger, die in einer Prozession um den Altar zogen, Einblick in die Reliquienkammer erhalten und die Reliquien mit Stoffen berühren, die anschließend als Berührungsreliquien mit nach Hause genommen werden konnten. Da die Chorherren den Durchzug der Pilger auf Dauer als störend empfanden, wurden die Reliquien in einen neuen Altar mit verdeckbaren Glasscheibe übertragen. Die heutige Platzierung ist trotz Gebrauch von Beton von Glas eine etwas freiere Weiterführung dieser Präsentationsweise.



Die Stadt Radolfzell pflegt bis heute die Verehrung ihrer "Hausherren". Das fing bereits mit der Herstellung der wertvollen Schreine, Spenden und Votivgaben an. Die ursprüngliche Kirche wurde um 1007 neu errichtet, 1466 kam es zum Bau des heute vorhandenen spätgotischen Münsters. Beliebt wurden sie bei der Landbevölkerung als Pestpatrone und Helfer gegen Viehseuchen (siehe die Legende vom geteilten Ochsen). Auch als Schutzpatrone der Kinder und gebährenden Mütter wurden sie bekannt. Für Aufsehen sorgte zum Beispiel 1511 die schnelle Genesung das Kindes des Schulmeisters, das von der Stiege fiel, nachdem man es auf den Hausherrenaltar legte. Zeitweise war der Name Senesius in Radolfszell der beliebteste Jungenname nach Joseph.

 Eine weitere Verbreitung folgte durch das Domkapitel, das während der Reformation aus Konstanz flüchten musste und bewusst gegen die Reformatoren die Verehrung der Heiligen förderte. Eine regelrechte Explosion an Bekanntheit erlebte der Kult in der Barockzeit, wo Mirakelbücher und das Hausherrenlied von 1745 mit 35 Zeilen deren Bekanntheit verbreiteten. Neben der Fußwallfahrt existierten mehrere Schiffswallfahrten und Wasserprozessionen, von dem heute nur noch die berühmte "Mooser Wasserprozession" erhalten ist, die seit einem Viehseuchengelübde von 1796/97 besteht, während alle anderen Prozessionen im Laufe der Säkularisation und "Aufklärung" verboten wurden, was sogar zeitweise die Hauptprozession betraf.

Auch während des Dritten Reiches kam es immer wieder zu Einschränkungen, zu einem Verbot kam es aus Furcht vor Reaktionen aus der breiten Bevölkerung in der gesamten Umgebung jedoch nicht - dagegen wurden Prozessionsteilnehmer öfter von NS-Leute photographiert (Antifa lässt grüßen), ließen sich aber nicht unterkriegen. Als Dank für die Schonung der Stadt vor der Zerstörung durch französische Artillerie, die durch das Hissen einer weißen Fahne auf dem Kirchturm zum Ende des Bombardements gebracht werden konnte, wurde für den 25. April eine Dankprozession eingeführt. Eine weitere Rettung aus Kriegsnot erfuhr ein deutscher Soldat, der eine barocke Hausherrenmedaille bei sich trug, die eine Gewehrkugel abfing.

Heute erfreut sich das "Hausherrenfest" großer Beliebtheit. Es findet am 3. Julisonntag mit Prozession durch die Altstadt statt, am darauffolgenden Montag die "Mooser Wasserprozession" mit eigenem "Mooser Amt". Der 12. April gilt als "Zenotag", der 13. September als "Ratoldtag". Auch Wallfahrten außerhalb dieser Zeiten sind möglich. Mittwoch morgens findet dazu ein eigener Wallfahrtsgottesdienst statt.

Vom Hausherrenlied sind inzwischen mehrere Versionen vorhanden. 1796 wurde eine Neuversion des veralteten Liedes von Pfarrer Rohrschach mit 25 barocken Strophen zusammengestellt, eine Kürzung auf 4 Strophen im Jahre 1951 wurde von den Gläubigen offen abgelehnt, da dieses Lied auch zu Wallfahrtszeiten als Trotzlied gegen die NS-Machthaber galt. Seit 1984 entstanden daneben sechs weitere Variationen, 25 Vorspiele zur Litanei und 2006 sogar eine eigene Toccata. Seit 2003 ist der "Hausherrenmarsch" Bestandteil der Prozession.



Im Mai 2019 wurden übrigens eine Ansteckmedaille mit den drei Hausherren herausgegeben, die man für vier Euro erwerben kann. Fünfzig Cent davon gehen an die Jugendarbeit der ansässigen Vereine.








Zu empfehlende Lektüren, die als Quelle dienten: 
- Hermann Bromer (Hrsg.): Wallfahrten im Erzbistum Freiburg. Verlag Schnell & Steiner, 1990. ISBN: 978-3-7954-0850-3. Da das Buch inzwischen vergriffen ist, wird eine Bestellung bzw. Anfrage in Antiquariaten oder auf Amazon empfohlen.
- Stadtmuseum Radolfzell (Hrsg.): Kostbarkeiten aus kirchlichen Schatzkammern - Der Radolfzeller Münsterschatz im Spiegel der Religions- und Kunstgeschichte. Datum und Verlag nicht erwähnt, Ausstellung fand 2011 statt.
- Peter P. Albert ("Archivar i. R."): Aus der Geschichte der Stadt Radolfzell. Verlag Boltze, Allensbach/Bodensee, 1954. Aus diesem Buch sind auch die beiden Schwarzweiß-Photos des Radolts-Sarkophags übernommen.




Mittwoch, 21. August 2019

"Enter the White Pill - also called: The God Pill"




Man hat von ihnen sicher schon in vielen Internet-Kommentaren gehört: Red Pill (angelehnt an eine Schlüsselszene aus dem Sci-Fi-Film "The Matrix"), die Feststellung, dass es sich mit der Wirklichkeit ganz anders verhält als einem bisher gesagt worden ist, und Black Pill, die definitiv depressivere Version davon.

Von der Existenz einer "White Pill" spricht dagegen der im vorangegangenem Posting zitierte Youtuber Dave Cullen aka Computing Forever in einem Video über seine Annäherung an den christlichen Glauben. Grund dafür waren unter anderem seine persönliche Auseinandersetzung mit Themen aus dem politischen Bereich, die vor allem das Thema Political Correctness, Zensur, Manipulation der Medien und die Auflösung gesellschaftlicher Normen betraf.

[...] Wenn es sich bei der Red Pill um die Feststellung handelt, dass du belogen wurdest, geht es bei der Black Pill darum, wie du lernst, wie gefährlich diese Lügen tatsächlich gewesen sind. Bei der Black Pill gehst du diesen Dingen tiefer auf den Grund und lernst, wie schlecht die Dinge geworden sind. Es ist der Ort, wo die Konsequenzen des Bösen offensichtlich werden. Es ist aber auch der Punkt, wo du einen Grad an Hoffnungslosigkeit und Niedergeschlagenheit zu entdecken beginnst. Das ist der absolute Tiefpunkt. Aber glücklicherweise führt der einzige Weg von hier nach oben. Dinge können trostlos erscheinen, aber man kann nicht länger blackpilled bleiben. Es ist einfach zu schwierig, Nihilismus und Verzweiflung für einen ausgedehnten Zeitraum zu hegen. Möglicherweise beginnt sich ein Verlangen nach Hoffnung, Optimismus und Sinn zu entwickeln. Die Seele braucht Nahrung.

Nimm die White Pill - auch bekannt als die God Pill. Du beginnst, nach Handlung, Ordnung, Daseinssinn und geordneten Werten zu verlangen. Die Welt beginnt vielleicht verrückt zu spielen, aber du tust es nicht. Die wichtigsten Werte, die westlichen Nationen in den letzten fünfzig Jahren von den Linken abgenommen wurden, beginnen stückweise Sinn zu machen. Ich denke, ich habe mich selbst als Atheist bezeichnet seit ich 13 Jahre alt war. Ich habe die religiösen Lehren meiner Eltern abgelehnt, die beide fromme Katholiken und ziemlich konservativ waren. Und als ich in das Teenager-Alter kam, begann ich, liberaler zu werden und ich glaubte, dass ich alle Antworten erhalten werden würden; dass Wissenschaft und Säkularismus ein ausreichender Ersatz für Religion und Glaube seien. Aber als ich älter wurde, wurde ich auch konservativer und ich begann zu realisieren, dass die Weisheit meiner Eltern auf etwas zeitloses, universelles und seit Jahrtausenden ausprobierte und geprüfte basierte. […]

[…] Meine Mutter, die eine fromme Christin war, starb vor 22 Monaten. Seit ihrem Tod, hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas in mir sich meldete, was davor noch nie war. Als wäre, als sie gegangen ist, ein Türspalt zu einem andern Ort offen, weit genug für eine Art von Licht, das hindurch kam. Ich kniete mich eines nachts zum ersten Mal seit Jahren hin und betete das Vaterunser. Ich habe als Kind das Vaterunser viele Male aufgesagt. Ich habe es wiederholt wie ein Mantra - Wörter, die für mich tatsächlich nichts bedeuteten. Aber dieses Mal änderte sich plötzlich etwas als ich die Stelle "führe uns nicht in Versuchung" erreichte. Man kann auf diese Worte blicken und deren Sinnzusammenhang nicht interpretieren. "Führe uns nicht in Versuchung" - was ist so objektiv schlimm an Versuchung? Es ist der nächste Abschnitt, der in mir plötzlich einen Schalter umlegte, weil dieser die vorangehende Stelle rechtfertigte: "Sondern erlöse uns von dem Bösen." Also "führe uns nicht in Versuchung" SONDERN "erlöse uns von dem Bösen". Plötzlich, zum ersten Mal bei allem, was ich bisher in der Welt mitbekommen habe, konnte ich den Kontext verstehen, warum dieses Gebet auf diese bestimmte Weise verfasst wurde.

Was haben die Linken seit Jahrzehnten verkündet? Versuchung, Sünde, Gier, Materialismus, das Abweichen vom Weg, die Leugnung der Natur. Wenn du die Menschen korrumpierst, Laster empfiehlst und deren basischen animalischen Instinkte, führst du die Zerstörung des Nationalstaates herbei. Promiskuität statt Monogamie führt zu ungewollten Schwangerschaften, zerbrochenen Familien, niedrigen elterlichen Anstrengungen. Die Ehe wird durch den Feminismus zerstört, alternative Lebensstile werden empfohlen. Die aktive sexuelle Einheit zwischen Menschen wird nicht mehr respektiert, Schwangerschaft und die Schaffung neuen Lebens bekommen einen neuen Sinn. Wenn man nicht mehr an eine Kraft hinter dem Menschen glaubt, wird der Staat zum Gegenstand, von dem jeder abhängig ist - von der Sozialhilfe bis zu deren Rechten. Er wird extrem mächtig und bald danach autoritär.

Plötzlich erblickte ich in diesen wenigen Worten des Vaterunsers eine Erkenntnis und eine Wahrheit, die sich mein ganzes Leben lang direkt vor meinen eigenen Augen verbarg. Wie es E. Michael Jones bezeichnen würde: LOGOS. Der heilige Augustinus sagte, dass ein Mensch so viele Herren hat wie Laster. Und wie es E. Michael Jones geschildert hat, haben die Linken Laster als eine Form von Befreiung verkauft. In Wirklichkeit wurden wir versklavt von unseren tiefsten gierigen und primitiven Trieben und somit viel einfacher von Machthabern zu kontrollieren. Die Menschen wurden gefügig, formbar und atomisiert, besonders seit die Identitätspolitik promoviert wurde, um die Menschen noch mehr zu spalten und zu vereinnahmen. […]










Noch mehr Videos und regelmäßige Kommentare vom irischen Youtuber Dave Cullen zu Technik und Zeitgeschehen gibt es hier:
- Youtube-Kanal von Computing Forever
Empfehlenswert sind auch die Kommentare zu Sci-Fi-Themen
- Homepage-Archiv von Computing Forever
- Die Facebook-Seite von Computing Forever
- Die Patreon-Seite hat er übrigens selbst aufgelöst.
Für Unterstützung bitte die Homepage benutzen

Montag, 19. August 2019

Warum denken noch mal so viele darüber nach, zu alternativen Suchmaschinen zu wechseln?


Ach so. Darum.
Und das war "lediglich" Irland.



Was natürlich die Frage aufwirft, was man dagegen tun kann.



Und die Frage, wie man das tun kann. In der letzten Zeit sind alternative Suchmaschinen wie Duckduckgo beliebter geworden, auch hat der hier schon einmal erwähnte kanadische Professor Jordan Peterson angekündigt, eine offene Youtube-Alternative für freien Meinungsaustausch zu entwickeln. Ansonsten wäre der Normalfall, großen Plattformen und Anbietern in klassischer Flüsterkneipenmanier zu umgehen (nicht vergessen: Das habt ihr nicht von mir.) - der Rest wird sich dann irgendwie in naher Zukunft ergeben, bei der man etwas skeptischer als bisher sein sollte.










Noch mehr Videos und regelmäßige Kommentare vom irischen Youtuber Dave Cullen zu Technik und Zeitgeschehen gibt es hier:
- Youtube-Kanal von Computing Forever
Empfehlenswert sind auch die Kommentare zu Sci-Fi-Themen
- Homepage-Archiv von Computing Forever
- Die Facebook-Seite von Computing Forever
- Die Patreon-Seite hat er übrigens selbst aufgelöst.
Für Unterstützung bitte die Homepage benutzen

- Und das erwähnte Whistleblower-Video von Project Veritas

Sonntag, 18. August 2019

Die "Armut" des Heiligen Franziskus

Ein lange und hartnäckig gepflegter Mythos ist der des Heiligen Franziskus als Purist, der alles Prunkvolle den Armen gegeben hat. Für viele "Liturgiereformer" bedeutete das auch, liturgische Kunstwerke freizugeben und den Gottesdienst stattdessen (in vielen Fällen sogar unbewusst) für Virtue Signaling zu gebrauchen (und für das hier. Was es auch immer sein soll).

Ruft man sich dagegen in Erinnerung, dass gerade die Franziskaner sich nicht nur um eine anschauliche und betrachtungsfördernde Liturgie einsetzten, sondern auch selbst der "franziskanischen Bescheidenheit" eine Auszeit gönnten, wenn es um die Feier der Heiligen Geheimnisse ging, ist man dagegen mit dem Gegenteil davon konfrontiert.

Dass es sich dabei um KEINE Spätentwicklung handelte, dürfte auch aus den erhaltenen Kleidungsreliquien des Franziskus deutlich werden, über den das Liturgical Arts Journal einen kurzen, aber prägnanten Artikel verfasst hat. Denn zum einen wären da die üblichen berühmten "Lumpen" des Franziskus, die er im Alltag trug. Und zum anderen seine Albe, die er in seiner Funktion als Diakon trug, die vor allem durch ihre aufwendige Ornamentik auffällt, die selbst die meisten moderne Alben, die für den Außerordentlichen Ritus gebraucht werden, nicht mehr erreicht haben.



Ein solches Nachstellen des Privaten vor das Heilige haben aber auch andere Heilige praktiziert. Jean-Marie Vianney, der Pfarrer von Ars, war für seine Bemühungen um ein würdiges Gotteshaus und eine noch würdigere Feier der Liturgie bekannt, für die er unermüdlich die Gläubigen vorbereitete und sich sogar um wertvolle Reliquien bemühte.
Bei ihm zu Hause sah es dagegen ganz anders aus: Ärmliches Bett, einige Bücher und Möbel und Material, um für eine kurze Essenspause Eierkuchen zu backen, die er schnell zu sich nahm, bevor es zurück zur Seelsorge ging, die ihm teilweise nur drei Stunden Schlaf ließ.


Für progressive Reformpriester, die sich lieber unter die Leute mischen und an Festen am Bierausschank stehen, eigentlich ein wortwörtliches Armutszeugnis.




Samstag, 17. August 2019

Watergate und Auferstehung


Beeindruckendes Zitat. Vor allem wenn man bedenkt, dass Charles Colson selbst in diese Affäre verwickelt war und man Leute, die an den Wahrheitsgehalt davon glaubten, von Behörden erstmals als "Conspiracy Theorists" ("Verschwörungstheoretiker") bezeichnet wurden. Nur um herauszufinden, dass es tatsächlich passiert ist.





Sonntag, 11. August 2019

"Ein Schädel auf dem Schreibtisch wird dein Leben verändern"




Wenn man kein echtes Skelett hat, dann kann man sich auch mit einem unechten begnügen.
Wenn man kein ganzes hat, kann man auch einen Schädel nehmen. Passt wenigstens auf den Schreibtisch.

Klingt makaber?

Ist es im Grunde genommen - wenn man bedenkt, dass der Begriff "makaber" von Chorea Machabaeorum ("Tanz/Reigen der Makkabäer", später der mit weiteren Persönlichkeiten und dem Tod angereicherte "Danse Macabre") abgeleitet wurde, das vermutlich auf ein mittelalterliches Schauspiel zurückgeht, das das Martyrium der Makkabäerbrüder (denen in Köln bis zur Säkularisation übrigens eine ganze Kirche geweiht war) zum Thema hatte und die Zuschauer zur (unterhaltsamen) Betrachtung anleiten wollte.

Abgesehen von diversen Gelehrtenstuben und Bibliotheken, wo man anscheinend sich selbst beweisen wollte, dass man der einzige im Raum mit (noch) genug Hirn im Kopf sei, hielten auch Schädel als Betrachtungsobjekte des Todes her, der einen überall jederzeit einholen konnte. Im größeren Maße in alten Beinhäusern (wo auch oft eine bildliche Darstellung des Danse Macabre zu sehen war), im kleineren Maße in der Mönchzelle oder am Rosenkranz.

Dass diese Ansicht noch lange nicht ausgemustert ist, beweist Schwester Theresa Aletheia Noble FSP, die sich auch in anderen Postings auf Aleteia.org mit dem Thema Memento Mori - dem Gedenken des eigenen Todes beschäftigt. Die übrigens selbst einen Keramikschädel auf dem Schreibtisch besitzt.


[…] Eine altehrwürdige christliche Tradition kennt den großen spirituellen Wert des Besinnens auf den eigenen Tod mit dem Ziel, ein gutes Leben zu führen. Die Regel des Heiligen Benedikt, geschrieben im 6. Jahrhundert, enthält die Aufforderung "sich täglich den Tod vor Augen zu halten". Wie der Katechismus bemerkt, erinnern uns sowohl die Schrift als auch die Lehren der Kirche "unsere Freiheit im Hinblick auf unser ewiges Schicksal verantwortungsvoll zu gebrauchen" (1036, Hervorhebungen von mir selbst).

Die Übung der Erinnerung, dass du sterben wirst, hilft dir im Gedächtnis zu behalten, dass dein Leben enden wird und dass es ein Ziel hat: Den Himmel.

Bildliche Gedächtnisstützen - oft Memento Mori genannt, der lateinische Sinnspruch für "Gedenke, dass du sterben wirst" - sind eine Möglichkeit, den bevorstehenden Tod im Gedächtnis zu behalten. Die Heiligen Hieronymus, Aloysius und Maria Magdalena - wie auch andere - werden in klassischen Gemälden mit Totenschädeln dargestellt. Der Heilige Franziskus von Assisi zeichnete einen Segen für Bruder Leo mit dem Tau-Kreuz und einer kleinen Darstellung eines Schädels. Papst Alexander VII. beauftragte den italienischen Künstler Bernini mit der Herstellung eines Sarges, den er neben einem marmornen Schädel für seinen Schreibtisch aufbewahrte, um ihn an die Kürze seines Lebens zu erinnern. Der Selige Giacomo Alberione, der Gründer der Paulus-Schwestern, hatte ebenfalls einen Schädel auf seinem Schreibtisch.

Inspiriert von dieser christlichen Tradition des Memento Mori, habe ich mir kürzlich einen Keramikschädel für meinen Schreibtisch besorgt. Ich habe meine spirituelle Reise über eine Monat lang auf Twitter aufgezeichnet.
Und es hat mein Leben verändert. […]



Sollte man keinen Schreibtisch oder genug Platz für einen Schädel besitzen, gibt es auf ihrer Homepage auch Alternativen: Bücher zur Betrachtung - besonders zur Fastenzeit - oder Wallpaper für Smartphone und PC.

Und sollte man trotzdem bei seinen Freunden als Grufti durchgehen...
Seien wir ehrlich: Gruftis und Goths sind so was von vorgestern Abend.







Empfehlenswerte Links:
- Die Homepage von Schwester Theresa Aletheia zum Thema Memeto Mori
- Die Artikel von Schwester Theresa Aletheia auf Aleteia.org
- Ihre Facebbok- und Twitter-Seite
- Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass ihr bei diesem Thema um die Josefs-Bruderschaft herumkommt? Hier beitreten!

Donnerstag, 8. August 2019

"G.K. Chesterton wird nirgends verehrt". Wirklich?




Für viele Fans des englischen Schriftstellers und Apologeten G.K. Chesterton wirkt es wie eine schallende Ohrfeige: Sein Seligsprechungsprozess könne nach Bischof Peter Doyle von Northampton nicht weitergeführt werden, da folge Hindernisse vorhanden seien: Eine fehlende lokale Verehrung, das Fehlen einer "persönlichen Spiritualität" und die Verwendung von scheinbar antisemitischen Meinungen in einigen seiner Werke.

Und die Society of Gilbert Keith Chesterton hat reagiert: Die Argumente des Bischofs sind teils haltlos und einseitig recherchiert, teils komplett an den Haaren herbeigezogen. Auch weil sein Grab auf dem katholischen Friedhof in Beaconsfield/Buckinghamshire regelmäßig aufgesucht und weiterempfohlen wird.

Und man hat zum Beweis, dass eine Verehrung durch die Gläubigen vorliegt, eine besondere Aktion gestartet: Man kann auf ihrer Homepage ein "virtuelles Kerzchen" entzünden und der Gesellschaft mitteilen, ob eine private Verehrung, ein privates Gebet um die Seligsprechung und eine Bekehrung durch den Diener Gottes vorliegen.


Letzteres ist ein Faktum, auf das schon zu Lebzeiten G.K. Chestertons immer wieder hingewiesen wurde. Der am 29. Mai 1876 in London geborene Gilbert Keith Chesterton war selbst Konvertit, der sich ursprünglich dem Atheismus zuwandte, dann über den Agnostizimus sich wieder dem Christentum annäherte und schließlich nach langem Liebäugeln als Anglikaner zur Katholischen Kirche konvertierte, die er schon vorher als Zufluchtsort des gesunden Menschenverstandes und als einzige dem Menschen entsprechende Religion verteidigte. Diese Ansicht vertrat er in vielen apologetischen Vorträgen z.B. gegen George Bernard Shaw, mit dem er abgesehen von diversen Meinungsverschiedenheiten sehr gut befreundet war - ein offensichtlicher Beweis seines besonnenen und demütigen Umgangs mit seinen Mitmenschen, auch wenn immer wieder versucht wurde, ihn persönlich wegen seiner Ansichten bloßzustellen, was ihm nicht nur bei Freunden, sondern auch bei Gegner großen Respekt einbrachte.

Durch sein schriftstellerisches Schaffen erreichte er auch viele Zeitgenossen und bewirkte Bekehrungen der Herzen auch über seinen Tod am 14. Juni 1936 hinaus. Er hatte unter anderem mit seinem "Unsterblichen Menschen" ("The Everlasting Man") massiven Einfluss auf die Bekehrung des  anglikanischen Apologeten und Autoren C.S. Lewis, der später durch seine Fantasy-Reihe "Die Chroniken von Narnia" weltweit bekannt werden sollte. Mittlerweile wurde ein ganzes Buch über die Menschen - Atheisten, Agnostiker, Juden, Muslime, Protestanten -verfasst, denen Chesterton explizit den Weg zur Bekehrung bereitete.

Er brachte mit viel Herz und Witz den Menschen Franziskus von Assisi und Thomas von Aquin, die er beide sehr verehrte, näher. Besonders im Hinblick auf eine schon damals grassierende unreflektierte Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit und "modernen" moralischen Relativismus galt die Verteidigung des "Common Sense", wie er in seinen Werken "Ketzer" ("Heretics") und "Orthodoxie" ("Orthodoxy")zeigt. Im besonderen Maße wird dies auch in seinen bekannteren Werken, den Father Brown-Krimis, deutlich, für die er in Deutschland schon eher bekannt ist. Auch wenn Verfilmungen mit Heinz Rühmann (Ottfried Fischer mal ganz beiseite gelassen) und die jüngste TV-Version von BBC wesentlich geistige und geistliche Elemente ausblenden.

Über Chesterton lässt sich unglaublich viel sagen und schreiben. Im deutschen Sprachraum muss man hier besonders auf die Artikel auf der Homepage von Pater Engelbert Recktenwald von der Petrusbruderschaft hinweisen, der sich mit einer Regelrechten "Chesterton-Renaissance" der letzten Jahre beschäftigt. Im deutschen Sprachraum ist es auch der Verlag Nova & Vetera der einige Werke Chestertons neu aufgelegt bzw. erstmals in Deutsche übersetzt hat. Bei fe-Medien erschien ebenfalls eine Neuauflage von "Orthodoxie" im Handbuch-Format.

Eine Auswahl an englischen Texten und Beiträgen stellt die bereits obig genannte Society of Gilbert Keith Chesterton zur Verfügung, die auch Gebetskärtchen für die Seligsprechung online gestellt hat. Für englischsprachige Lesefaule sei auch die Serie "G.K. Chesterton - Apostle of Common Sense" empfohlen, die in Zusammenarbeit von EWTN, der Chesterton-Society und dem Theatre of the Word entstanden ist.




Die Gebetskärtchen um die Seligsprechung G.K. Chestertons können natürlich auch ausgedruckt werden für den privaten Gebrauch oder die Weitergabe an andere Personen:






Empfehlenswerte Links, die als Quellen vorlagen:
- Society of Gilbert Keith Chesterton
- Deutschsprachige Artikel zu Chesterton von P. Engelbert Recktenwald FSSP
- Facebook-Seite der Deutschen Chesterton-Gesellschaft
- Englischsprachiges Gebetskärtchen für die Seligsprechung Chestertons
- Aktion für die Wiederaufnahme der Seligsprechung


Mittwoch, 7. August 2019

St. Walburg in Eichstätt und das "Walburgisöl"



Vielen dürfte die aus England stammende Heilige Walburga alleine vom Namen her durch die Walpurgisnacht, den Vorabend ihres ehemaligen Gedenktages (und auch Tag ihrer Heiligsprechung) am 1. Mai bekannt sein. Dass die Vigil und das vom Volk übliche Einfeiern dieses Tages (woher auch der Begriff "Tanz in den Mai" stammt) bald schon wie der Vorabend von Allerheiligen in abergläubische Praktiken abglitt, hat für viele heutzutage den Ruf der Heiligen ebenfalls leicht ins Obskure abrücken lassen. Auch in Amerika hat sich dieser Ruf verbreitet; der im vorangegangenen Beitrag erwähnte Neosatanist Anton LeVey hat an diesem Tag nach eigener Aussage (angeblich) seine "Satanic Bible" vollendet.

Wenn man sich jedoch eingehender mit dieser Heiligen beschäftigt, merkt man schnell, weswegen sie seit dem Mittealter als Fürsprecherin so beliebt war bei den Gläubigen und sogar mit mehreren Gedenktagen geehrt wurde.

Geboren wurde sie um 710 im südenglischen Wessex in einer adeligen Familie, aus der gleich vier weitere Heilige hervorgingen. Der erste war ihr Vater, Richard von Wessex, der auf der gemeinsamen Pilgerfahrt mit seinen Söhnen nach Rom um 720 in Lucca starb und dort beigesetzt wurde. Die zweite war ihre Mutter, die Heilige Wuna, der Überlieferung nach eine Schwester des großen Missionars Bonifatius. Ihr Bruder Willibald war Missionar, Abt und Bischof in Eichstätt und ihr zweiter Bruder Wunibald, Abt des Klosters Heidenheim.

Ihre Erziehung genoss Walburga in einem (in der damaligen Zeit üblichen) angelsächsischen Doppelkloster unter der Regel des Hl. Benedikt, wahrschlich in Wimborne. Ob sie den Schleier schon in England oder erst in Deutschland aus der Hand des Bonifatius empfing, ist nicht geklärt. Es gibt auch zwei Versionen von ihrer Berufung in die germanische Mission um das Jahr 735: Die eine soll direkt von Bonifatius stammen, der auch ihre beidseitige Verwandte, die Hl. Lioba und weitere Gefährtinnen in die Mission auf das Festland rief, die andere stammt von ihrem Bruder Wunibald selbst, der nach der Pilgerfahrt mit dem Vater als einziger wieder nach England zurückkehrte , wo er sie von dem missionarischen Vorhaben überzeugte.

Zwischen 740 und 750 erhielt sie ihre Einführung in die Missionsarbeit im Kloster der Lioba in Tauberbischofsheim oder auch bei der Hl. Thekla in Kitzingen am Main. 761 starb Wunibald, dessen Stelle sie als Äbtissin des in Familienbesitz befindlichen Doppelklosters Heidenheim sie nach angelsächsischen Brauch übernehmen musste.

Walburga war sowohl beim Volk als auch bei den Schwestern, die ihr sehr anhingen, rundum beliebt. Das zeigte sich vor allem in ihrer Geduld und Nachsichtigkeit, aber auch in den Sorgen und Bemühungen um Bildung ihrer Nonnen, die neben hausfraulicher Kenntnisse auch das Schreiben, sowie die Sprachen Lateinisch und Griechisch umfasste, sowie geographische, naturwissenschaftliche und Astronomische Kenntnisse. Eine dieser Schwestern war Hugeburc, die auch eine Lebensbeschreibung der Heiligen verfasste, die zusammen mit den Schriften des Priester Wolfhard von Herrieden die wichtigsten Quellen ihrer Lebensbeschreibung und Legenden bilden.

Letzterer zeichnete auch die Wunder auf, von denen die Schwestern von Heidenheim berichteten, auch wenn zu diesem Zeitpunkt bereits hundert Jahre vergangen waren. Eines berichtet von der Heilung eines sterbenskranken Mädchens, für das bereits das Grab vorbereitet wurde. Walburga kam in das Hofgut, ohne dass sie von den dort freilaufenden Zwingerhunden angegriffen wurde. Eine andere Geschichte erzählt vom "Lichtwunder" im Kloster Heidenheim, das ihr den Weg zum Schlafsaal leuchtete, weil ihr der Türhüter nachts nicht den Weg voranleuchtete. Den erstaunten Schwestern verwies sie darauf, dass nicht sie, sondern Gott in seiner Barmherzigkeit mit den hilfsbedürftigen Menschen gewirkt habe. Letztendlich sei es auch nicht durch ihr Wirken gewesen, sondern durch die Fürsprache ihres heiligmäßigen Bruders Wunibald, den sie nach seinem Tod noch immer sehr in Ehren hielt.

So ging auch schließlich am 24. September 777 ihr Wunsch in Erfüllung, als Wunibalds Gebeine zur Ehre der Altäre erhoben wurden. Zu deren Überraschung und zur Überraschung ihres Bruders Willibald, der zu diesem Zeitpunkt Bischof von Eichstätt war, fand man den Diener Gottes bei der Öffnung seines Grabes nach 16 Jahren unverwest vor, was damals einer wunderbaren Heiligsprechung gleichkam. Zwei Jahre später, am 25. Februar 779 starb Walburga im Kloster Heidenheim.

Zwischen 870 und 879 ließ Bischof Otgar die Gebeine Walburgas zusammen mit denen Wunibalds nach Eichstätt übertragen. Wunibalds Reliquien kehrten bald darauf nach Heidenheim zurück, die von Walburga wurden in einer kleinen Kapelle an der Stelle des heutigen Klosters St. Walburg, die dem Heiligen Kreuz geweiht war, bestattet und von einer Gemeinschaft von Kanonissen betreut, bevor ab 1035 die Schwestern des vom Bischof gestifteten Benediktinerinnenklosters diese Aufgabe übernahmen. Durch diese Erhebung und Übertragung der Gebeine wurde sie als Heilige offiziell anerkannt und ihre öffentliche Verehrung als Fürsprecherin bei Gott anerkannt.


Aus dieser Zeit stammt auch der besondere Gruftschrein, aus dem auch das sogenannte "Walburgisöl" stammt. Bereits bei einer vorangegangenen Öffnung des damals noch im Boden des Klosters Heidenheim befindlichen Grabes wurden ihre Gebeine überraschenderweise mit klarem Wasser betaut aufgefunden, wie der Priester Wolfhard von Herrieden berichtet. Dieses Phänomen ereignete sich ebenfalls in Eichstätt am Boden ihres Sarkophages, der in die Breite des Hochaltares eingeschoben wurde und die Brustgebeine der Heiligen enthält. Ursprünglich waren Altar und Schrein mit dem darauf befindlichen ursprünglich beidseitig geöffneten Sakramentshäuschen freistehend, bevor sie bei Umbauarbeiten räumlich in Hauptkirche mit Hochaltar (Schrein auf dieser Seite unter dem Bodenniveau und daher nicht mehr sichtbar) und Gruftkapelle mit zusätzlicher Vertiefung und Gruftaltar aufgeteilt wurden. Was natürlich Vermutungen offen lässt, ob der "erhobene" Reliquienschrein dem des Lukasschreines in Padua ähnelte und sich im offenen Zwischenraum das Tauwasser sammelte oder der Freiraum absichtlich eingefügt wurde.

Analysen ergaben, dass es sich bei dem Walburgisöl um reines Tauwasser handelt, dass sich jedes Jahr zwischen dem 12. Oktober (Tag der Übertragung nach Eichstätt) und Ende Februar (25. Februar: Heimgang der Heiligen) unter dem Schrein bildet. Was man eigentlich schon lange vorher wusste. Der Begriff  "Öl" wurde wegen dessen Verwendung, auch erkrankte Körperteile damit einzureiben, eher im übertragenen Sinne verwendet. Es kam aber auch zu naturwissenschaftlich ungewöhnlichen Umständen des sogenannten "Ölflusses" - wenn man bedenkt, dass sich das Tauwasser immer im Winter sammelt. Ein unzeitiges komplettes Versiegen trat ein, als über Eichstätt der Kirchenbann verhängt war und es erst wieder zum "Ölfluss" kam, als dieser Bann aufgehoben und ein Bittgang nach St. Walburg stattfand. Ein plötzliches Auftreten ist vom 7. Juni 1835 bezeugt, dem Tag, als König Ludwig I. die Wiedereröffnung des in der Säkularisation geschlossenen Kloster bekannt gab. Ungewöhnlich daran war, dass die Urkunde erst mehrere Tage nach ihrer Unterzeichnung in Eichstätt ankam.

Verschiedene Theorie, wie es zur Entstehung des Tauwassers kommt, konnten dieses Phänomen nie wirklich zufriedenstellend erklären. Sicher ist, dass es vermehrt zu seltsamen Heilungen in Verbindung mit dem Wasser kam, das im Zwischenraum durch eine spezielle Auffangvorrichtung gesammelt und den Pilgern an der Klosterpforte in besonderen kleinen Fläschchen auf Anfrage gegeben wird - was schon seit dem 11. Jahrhundert praktiziert wird. Seit dem 15. Jahrhundert wird die Heilige explizit mit einem kleinen Fläschchen dargestellt.

Trotz allem Wunderbaren, was man in diesem Kloster findet und den Votivgaben, die Pilger dort hinterlassen haben, wird auch hier im Sinne der Heiligen Walburga auf den Wirklichen Ursprung dieser besonderen Gabe hingewiesen: Zwar steht sie in Verbindung mit einer bestimmten Heiligen, die als Fürsprecherin für uns bei Gott eintritt, dennoch ist es Gott selbst, der dieses Wunder erweist und es auch die Intension der Heiligen ist, dass man das eigene Verhältnis zu Gott selbst weiter vertieft durch diese kleine Nachhilfe, um schließlich eines Tages auch teilhaft der an der seligen Schau Gottes zu werden, die sie jetzt schon mit den anderen Heiligen genießt. Weswegen als Erinnerung der Gläubigen auch früher vor dem Zwischenraum mit dem Auffangbecken eine silberne Darstellung des biblischen Mannaregens angebracht wurde, durch das der Herr das Volk Israel auf wunderbare Weise in der Wüste ernährte.


Kommt meines Lebens letzte Stund
erlischt das Aug, verstummt der Mund
gib du mir im Sterben die Zuversicht
dass leuchtend meine Glaube die Nacht durchbricht.
Aus dem Walburga-Lied




Zu empfehlende Seiten und Lektüren, die als Quelle dienten: 
- Kloster- und Pfarrkirche St. Walburg Eichstätt, Verlag Schnell & Steiner Regensburg. 2. Auflage 2006. ISBN-10: 3-7954-6307-6. ISBN-13: 978-3-7954-6307-6.
- Die Heilige Walburga. Buchprospekt, ausgegeben von der Abtei St. Walburg. Schwarzweiß, Datum unbekannt, nachweislich jünger als 1986.


Zum Gebrauch des Walburgisöls

Montag, 5. August 2019

Abtreibung und satanische Ungeduld




Satanismus scheint für viele ein Ausdruck von Coolness zu sein, frühestens seit John Milton "Paradise Lost", spätestens im verstärkten Maße seit der "Satanic Bible" von Anton LeVey. Letztere betont den Hedonismus, einen radikalen Individualismus, der nur das unterstützt, was man selbst für unterstützungswürdig hält und ab und an empfiehlt, dem Gegner ordentlich eine auszuwischen. Natürlich ohne dabei dem Satan als reale Person zu verehren und anzubeten (das tun nur die sogenannten "Teufelsanbeter", diese Loser), vielmehr ist er eine Symbolfigur des Aufstands gegen eine der Lebenswirklichkeit fremde Autorität, weswegen diese Art von Lebensphilosophie mit Stoßrichtung gegen das vorgegebene Establishment und Religion häufig bei Säkularisten zu finden ist, aber auch bei Freunden des "kreativen Chaoses", das ihnen bei entsprechenden persönlichen Aufwand eine Änderung der Ordnung verspricht.

Trotz seiner Distanz zum "Theistischen Satanismus" (die Rituale dienen übrigens nur der Selbstmotivation) fällt der Atheistische/Säkulare Satanismus durch ein bestimmtes - nennen wir es satanisches - Laster immer wieder aus seiner vernünftigen Rolle. Dabei seien hier Problematiken wie das Ausspielen von Individualdefinition und Naturrecht außen vor gelassen - sowie die regelmäßige Betonung, dass satanische Prinzipien nur bei einer Gruppe von wenigen im Kontrast zur Restgesellschaft verwirklicht werden könne.

Es handelt sich für die meisten Menschen eher um ein marginales, aber inzwischen weit verbreitetes und noch häufiger unbemerktes Laster: Die Ungeduld.

Man will haben, weil man sich im Rechts sieht. Man will es Verwirklichung SEINES Rechtes - und zwar sofort, auch wenn andere es aus guten Gründen ablehnen. In diesem Sinne hat Thomas von Aquin die Dummheit eine Sünde genannt: Trotz deutliche Bedenken und Hinweise auf einen Schaden tut man eine Sache trotzdem - alleine um eine bestimmte Sache zu behalten oder zu erhalten. Und zwar sofort und ohne große Umwege oder Alternativen.

Im US-Bundesstaat Missouri klagt der Satanic Temple gegen die 72-Stunden-Frist. Diese verlangt bei Abtreibungen eine Wartezeit von 72 Stunden, um einer unüberlegten Entscheidung entgegenzutreten. In diesen Stunden sollen die Frauen noch einmal nachdrücklich auf die Risiken hingewiesen werden, sowie auf das werdende Leben, dass mit der Abtreibung nicht einfach "unterbrochen", sondern vernichtet wird.

Der Satanic Temple (TST) klagt dagegen. Warum?

In der offiziellen Klage des TST heißt es, dass ein Mitglied "gezwungen wurde, 72 Stunden zu warten und angewiesen, Lesematerial mit religiösem Inhalt anzunehmen, das entwicklet wurde, Scham zu erzeugen, indem behauptet wird, dass das Leben mit der Empfängnis beginne".

Das Dokument fährt dabei offen zweigleisig: Einerseits beklagt man die Ansicht, dass das menschliche Leben mit der Empfängnis beginne, eine persönliche Ansicht des Gesetzgebers sei und dass die Möglichkeit "sich seine eigene Theorie, wann das Leben beginne" damit beeinschränkt werde. Andererseits lässt man unter den Tisch fallen, dass dies eine Sicherheitsvorkehrung ist, da viele Patientinnen Abtreibungen so schnell wie möglich durchführen lassen wollen und dabei andere Möglichkeiten vergessen, wenn es sich um Panik, aber auch in einigen Fällen um persönlichen Druck vom Freund oder der Familie handelt, um es schließlich indirekt als Problem der Trennung zwischen Staat und Religion auszugeben. Die Ausführung der finalen Abtreibung wird dabei jedoch im Endeffekt in keinster Weise verhindert, wenn die Frau es so will.

Wobei diese Problematik nicht nur von Religiösen, sondern auch Areligiösen bzw. Antireligiösen wie dem 2011 verstorbenen Christopher Hitchens oder dem Philosophen Don Marquis, der auf die Potentialität der werdenden Person hinwies, geäußert wurde.



Eine Gefahr für werdendes Leben als Reaktion auf persönliches Empfinden (das übrigens in solchen Momenten nicht immer durchgehend rational, sondern eher emotional ist), wird hier im Vorherein aus ideologischen Gründen beiseite gewischt, um anderen unter dem Vorwurf der Ideologie diese Bedenkzeit zu unterbinden. Man mag sich zwar darüber beklagen, dass der Gesellschaft "abergläubische Ansichten" aufgedrängt werden - hier ist es jedoch die eigene meist subjektiv-emotionale Ansicht einer Kleingruppe, die man versucht, anderen aufzudrängen und dabei immer die neutrale Karte ausspielt.

Und beim Satanic Temple hat das bereits System.
Man ging dabei bisher von gezielten Ad absurdum- oder Troll-Aktionen einer atheistischen Gruppierung aus (was der TST auch objektiv ist), um das Verhältnis von Staat und Kirche zu parodieren. Im April 2019 wurde der Satanic Temple von der Bundessteuerbehörde als offizielle Religion anerkannt, davor hat man schon durch gezielte Forderungen wie das Aufstellen einer Baphomet-Figur vor Landeseinrichtungen Gläubige provoziert und sogar die Umplatzierung eines Zehn Gebote-Denkmals mit Klage auf staatliche Neutralität herbeigeführt, bei einem weiteren wurde die Klage ignoriert. So weit, so schräg, Amis halt.

Doch schon früh zeigte sich die ungeduldige Hartnäckigkeit der politisch linksgerichteten Gruppierung.
Schon im Februar 2019 wurde eine Klage des TST mit nahezu dem gleichen Vorwurf gegen die 72-Stunden-Frist abgelehnt. 2015 war man bereits etwas gröber: Man verklagte ebenfalls den Bundesstaat Missouri und die Vereinigten Staaten wegen der 72-Stunde-Frist und dem Hinweis auf den Beginn des Lebens mit der Empfängnis wegen - man lese und staune - Verletzung der "freien Ausübung" von Satanismus. Abtreibung wurde in einer weiteren Sitzung sogar als Sakrament (wie auch die gleichgeschlechtliche Ehe) promoviert. Brachte übrigens nichts, zeigt aber deutlich die Bemühungen, über potentielle Gesetzeslücken das Gesetz selbst zu manipulieren.

Noch deutlicher wurde dieses Vorgehen während einer weiteren Aktion. Beschränkten sich bisher die Tätigkeiten auf Klagen wechselweise aufgrund "religiöser Beeinflussung" oder "religiöser Beeinschränkung" und diverser Störaktionen auf Seiten von Abtreibungsaktivisten bis hin zu einer Schwarzen Messe mit Hostienschändung als frei ausgeübte Religion (nochmal: der Satanic Temple lehnt offziell einen übernatürlichen Glauben ab und gibt vor, keinen solchen auszuüben), wurde offen die rote Linie überschritten. 2016 gab der Satanic Temple in Reaktion auf eine Klage gegen einen Bäcker bekannt, christliche Bäcker zum Backen von Satanischen Torten zu zwingen. Statt "Subjekt des eigenen Willens" also "Backe, sonst wirst du vor Gericht geschleift". Das Aufbegehren gegen "tyrannische Autoritäten" ist inzwischen selbst schon zu einer autoritären Tyrannei geworden, die zwar regelmäßig mit allen Tricks versucht, gegen den Staat zu klagen, sich aber nicht zu schade ist, den Staat zum Prügeln vorbeizuschicken.



Bei dem obigen Interview mit Tucker Carlson wird auch schnell klar: Sind keine echten Fälle vorhanden, werden welche erfunden. Es gibt keine homosexuellen Bäcker, die gezwungen wurden, Torten gegen ihren Willen zu backen - aber es könnte sie trotzdem geben, deswegen müssen wir gegen christliche Bäcker vorgehen zum Wohle der Gesellschaft und der Gerechitgkeit. Das ist Perfidie in Reinform. Und zeigt auch die Ungeduld dahinter, die nicht anders kann, als sich falscher Spielchen zu bedienen, um ans Ziel ihrer persönlichen Begierden zu kommen - auch wenn es keinen nachhaltigen Plan dahinter gibt.

Man fühlt sich an die Geschichte mit der verbotenen Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse erinnert, die von vielen Satanisten als "Befreiung des Menschen" ausgelegt wird. Einziges Problem: Die Perfidie der Schlange wird nicht berücksichtig. Sie sagt nämlich nicht einfach: "Hey, die Frucht ist gut, sie öffnet dir die Augen." Nein. Es wird erst einmal unwissend gestellt, dann Verwirrung mit falschen Unterstellungen gestiftet, bis plötzlich "alles Sinn ergibt", dass Gott den Menschen genuin unterdrücke und Angst vor ihnen habe.



Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Jahwe gemacht hatte. Sie sprach zu der Frau: "Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft nicht von allen Bäumen des Gartens essen?" Die Frau antwortete der Schlange: "Von den Früchten der Bäume dürfen wir essen. Nur von den Früchten des Baumes, der mitten im Garten steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und daran rühren, damit ihr nicht sterbet." 

Darauf sprach die Schlange zu der Frau: "Keineswegs, ihr werdet nicht sterben. Vielmehr weiß Gott, dass an dem Tag, an dem ihr davon esset, euch die Augen aufgehen und ihr werdet wie Götter, die Gutes und Böses erkennen." Die Frau sah, dass der Baum gut zu essen wäre und lieblich anzusehen und begehrenswert, um Einsicht zu gewinnen. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab davon auch ihrem Manne, der bei ihr war, und er aß.
Gen. 3, 1-6




Das ist meiner Ansicht nach nicht nur auf Gruppen wie den Satanic Temple oder anderen "satanischen" Gruppierungen beschränkt - mögen sie nun den Satan für eine reale Person halten oder einen philosophischen Ego-Booster. Es ist tatsächlich sehr auffällig, dass dieses "Argumentieren bis es passt", dieses intellektuelle Lockpicking bis man in eine Sache eingedrungen ist und dieser seinen eigenen Stempel aufdrückt, den gefälligst niemand sonst ändern soll, bereits bei den gesellschaftlichen und identitären Umstürzen der 1960er vorhanden waren und sich bis heute in einem regelrechten Marsch durch die Institutionen fortsetzt. Und für die Abtreibung nichts anderes sein kann als Menschenrecht und Reproduktionsrechts, auch wenn das Objekt der Reproduktion vernichtet wird. Aber was soll´s.

Und es muss nicht etwas mit Satanisten zu tun haben, um in sich schon satanisch zu sein.
Dazu reicht schon die Ungeduld, die keine Probleme hat, über Ruinen und Leichen zu gehen.


ADDENDUM AD VIRTUTEM NOSTRAM:
Warum wir uns um Geduld in unserem Leben bemühen müssen: