Freitag, 25. Oktober 2019

Priester auf Abwegen 2: Martin Luther als Gegenbild zur dekadenten römischen Kirche?




Zum Reformationstag, der bei uns bisweilen bei vielen eher unter dem Namen Halloween bekannt sein dürfte, könnte man vieles zum bekanntesten abgefallenen Priester Deutschlands - wenn nicht der ganzen Welt - sagen. Beispielsweise Gerüchte über seinen wirklichen Eintrittsgrund ins Kloster oder seinen angeblichen Selbstmord. Oder über fragwürdige Hilfsmittel, die Martin Luther eine so schnelle Übersetzung der Bibel überhaupt ermöglichten.

Man könnte aber noch tiefer gehen und Martin Luther als tugendhaftes und aufgeklärtes Gegenbild zur dekadenten Kirche hinterfragen. Der in einem anderen Posting bereits angestreifte Dr. E. Michael Jones weist in seinem Buch "Degenerate Moderns - Modernity as rationalized sexual Misbehavior" wie bereits in den übrigen Kapiteln über Alfred Kinsey, Sigmund Freud und Margret Mead darauf hin, dass es sich bei Luthers Lehren um eine Kompensation seiner eigenen unmoralischen Neigungen handelt, die unter dem Schleier der Unmöglichkeit, diese zu überwinden (die Sünde wird deswegen nicht als durch die Beichte weggenommen, sondern vor Gottes Augen verdeckt "wie der Misthaufen durch den Schnee" gedeutet) und der späteren Leugnung des freien Willens in De servo Arbitrio verharmlost werden - zum Preis einer Freigabe der eigenen Heiligung, wie sie die Kirche schon damals lehrte und auch der eigenen ehrlichen wissenschaftlichen Kritikfähigkeit.

Anders als man gerne in den heutigen Medien regelmäßig wiederholt (ohne scheinbar je etwas vom Reformkonzil von Trient gehört zu haben), war Luther nicht das Gegenbild der dekadenten römischen Kirche. Er selbst wurde durch sein Vorbild zu einem Magneten gerade für Kleriker, die ein einfacheres Leben außerhalb der kirchlichen Vorschriften haben wollten - und gerade deswegen massenweise (neben den recht oberflächlichen Versprechen für gesellschaftliche Freiheit, die den verheerenden antikirchlichen Bauernkriegen weitere Nahrung gaben) zu Luthers Bewegung überliefen. In diesem Kontext muss man auch die "Befreiung" der Nonnen aus Klöstern wie Nimbschen sehen, aus dem auch Luthers spätere Ehefrau Katharina von Bora stammt - die im Gesamten gesehen sogar McCarrick-eske Züge annehmen:


[…] Luthers eigenwillige Version der Befreiungstheologie, wie im offenen Brief  "Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Kloester göttlich verlassen mögen" dargelegt, war, wie späte Spielarten, nur indirekt um die Befreiung besorgt. Das wirkliche Ziel dahinter, die Nonnen aus dem Konvent zu bringen, wurde erkennbar in einem Brief von Amsdorf an Spalatin am 4. April [1523]. Alle zwölf Nonnen, schreibt Amsdorf, seien "gutaussehend und alle von ihnen sind Aristokratinnen, und keine von ihnen ist in ihren Fünfzigsten". Amsdorf preist ihre Geduld und ihre Heiterkeit und kommt sofort zum Geschäft, indem er dem Ex-Priester Spalatin eine als Ehefrau anbot. Amsdorf hatte die nicht so jüngere Schwester von Staupitz, Luthers ehemaligen Superior im Augustinerkloster, im Sinn. Wie auch immer, wenn Spalatin eine jüngere im Sinn hätte, sollte er nach Amsdorf Aussage keine Furcht haben. "Wenn Du eine jüngere willst", fügt er hinzu, "bekommst Du die Auswahl der Bestaussehendsten." So war die Befreiung der Frau wie sie von der Protestantischen Partei in Deutschland im 16. Jahrhundert praktiziert wurde. Seit sie das programmatische Brechen der sexuellen Hemmung enthielt, unterschied sie sich tatsächlich nicht sehr von deren Versionen im 20. Jahrhundert [Anm.: Sexualisierung und Hedonisierung der Gesellschaft, Lächerlichmachen der Konventionen und der Disziplin, sowie Bestialisierung des menschlichen Seelenlebens. Diese Themen wurden bereits in den vorangegangenen Kapiteln des Buches behandelt].

Nicht viel später kamen weitere drei Nonnen aus Nimbschen nach Wittenberg, dann kamen weitere sechzehn aus dem Kloster Widerstett, von denen fünf von Graf Albrecht von Mansfeld angenommen wurden. Nonnenhandel wurde eines der kirchlichen Hauptgeschäfte der reformierten Partei in Deutschland und während der 1520er wurde Wittenberg zu einem ihrer bevorzugten Treffpunkte. Luther verbrachte viel seiner Zeit, um an verschiedene Priester und Kleriker zu schreiben, um sie zum Heiraten zu drängen und dadurch die Gelübde zu brechen, die sie abgelegt hatten. Seine Motive, abgefallene Nonnen und Priester zur Heirat zu drängen, war klar. Wenn der Handel einmal vollzogen war, dann war der abgefallene Priester fest auf der lutherischen Seite; eine Sache, die Luther für dessen maximalen politischen Effekt ausnutzte. Libido, die in gebrochenen Gelübde gipfelte, war die Maschine, die den Reformationszug antrieb. Es war ein einmalig effektiver Weg, um den Ex-Klerus in Opposition zur Kirche zu organisieren. Wenn sie einmal zwei sich widersprechende Arte von Gelübden gemacht haben, gab es keinen Ausweg mehr. Verdammt, wenn du dich daran hältst, verdammt wenn du dich nicht daran hältst könnte man es bezeichnen. Die ehelichen Gelübde waren natürlich ungültig; sie schienen natürlich unbedingt zwingend im natürlichen Lauf der Dinge, besonders wenn Kinder zur Welt kamen. "In mir selbst", schrieb ein unglücklicher Priester, der in diese Falle lief, seinem Bruder, der Mönch blieb, "steigt ein ständiger Konflikt auf. Ich beschließe oft, meinen Lebenslauf zu heilen, doch wenn ich nach hause komme und meine Frau und meine Kinder mir entgegen kommen, setzt sich meine Liebe zu ihnen mehr durch als meine Liebe zu Gott und mich selbst zu überwinden wird mir unmöglich."

"Keine Geliebte", schrieb ein Zeitgenosse, "sind so lüstern wie unsere ehemaligen Nonnen" und dass das Evangelium der christlichen Freiheit und Rechtfertigung durch den Glauben alleine bereits vorhersehbare Auswirkungen auf einen schon schwer korrumpierten Klerus habe. Sexuelle Korruption war ein großer Teil des katholischen Lebens in Deutschland zu jener Zeit. Große Teile der Priester lebten im Konkubinat. Einige Bischöfe erlaubten es gegen die Zahlung einer Abgabe. Luther entwickelte die Strategie gegen das zu wettern, was er als Korruption bei seinem Gegenüber festlegte und das gleiche Verhalten  auf der Seite von seiner Jünger zu entschuldigen. Diese Jünger - zum größten Teil ehemalige Priester und Nonnen - folgten dem Sirenengesang der lutherischen Theologie und kamen nach Wittenberg, um das neue Evangelium mit anderen gleichgesinnten Religiosen auszuleben. Die Auswirkungen waren vorhersehbar.

"Wie viele der frommen ausgebüxten Mönche und Nonnen hat Unsere Exzellenz gefunden", schrieb ein deutscher Adeliger einem anderen, "die keine üblichen Huren oder Lotterbuben wurden?" "Es waren diese Menschen", kommentiert Denifle, "die in ihrer fleischlichen Lust ein gottgegebenes Zeichen sahen, von der sie zur Ehe berufen waren." "Luthers Ratschläge", behauptete ein Priester, der als Teil der evangelischen Partei lebte und dann zur Kirche zurückkehrte, "sind in einem solchen Maße ausgeführt, dass es absolut mehr Enthaltsamkeit und Ehre im Ehestand in der Türkei gibt als unter den Evangelischen in Deutschland." "Es wird deutlich, dass niemand", schrieb Johann Mensing, "(nicht übertölpelt von Einfältigkeit) zur lutherischen Sekte Zuflucht nimmt, um frömmer oder eines besseren Sinnes zu werden, sondern dass er frei und ungestraft lebe und ohne Vorbehalt alles tun kann, was ihm beliebe." […]



[…] "Sei ein Sünder und sündige tapfer", predigte Luther "doch tapferer glaube an Christus … selbst wenn du tausend Mal am Tag Hurerei betreiben würdest oder ebenso viele Todesstöße aushalten müsstest." Wenn man nach den zeitgenössischen Aussagen urteilen müsste, waren Luthers Jünger nur zu willig, seiner Aufforderung zu folgen. Luther sollte noch viel weiter gehen, indem er verkündigte, dass "es keinen Unterschied zwischen dem Ehestand und der Hurerei gäbe, wenn Gott nicht willig wäre seine Augen davor zu schließen."

Im Hinblick auf die menschliche Natur und die Macht des sexuellen Triebes, ist es nicht überraschend, dass seine Lehren bald auch einen ähnlichen Effekt auf Dr. Martinus selbst hatten. Luther sollte in seinem späteren Leben schreiben, dass wenn irgendjemand durch das Mönchtum in dem Himmel komme, sollte er derjenige sein, wobei er auf schweres Fasten, Vigilgebete, etc. anspielte. Wie dem auch sei, sein eigenes Lebenszeugnis zu dieser Zeit widerlegt seine späteren Verzerrungen. 1516 schrieb Luther an Lang in Erfurt: "Ich sollte zwei Sekretäre haben für das, was  ich den lebenlangen Tag kaum zu etwas bringe außer Briefe zu schreiben … Selten bleibt genug Zeit, um das Stundegebet (des Officiums) zu beten oder die Messe zu feiern. Daneben gibt es auch meine eigenen Versuchungen des Fleisches, der Welt und des Teufels." "Ich bin entflammt in fleischlichen Begierden", schreibt er während seiner Zeit auf der Wartburg "während ich glühend im Geiste sein sollte. Ich brenne mit der Flamme meines ungezügelten Fleisches und sitze hier in Muße und Faulheit, während ich das Gebet vernachlässige." Während des zweiten Jahrzehntes des 16. Jahrhunderts. Luther geriet in eine spirituelle Abwärtsspirale, in welcher - wie es der Fall mit einem verweltlichten Geist ist - spirituelle Laxheit zu Sinnlichkeit führt, die wiederum zu intellektueller Rebellion gegen die Kirchendisziplin führt, die wiederum zum sinnlichen Abstieg führte und zu weiterem Zetern gegen die Kirche, die den Standard aufrecht hält, für den er sich nicht länger verpflichtet fühlte, sie zu halten. Luthers Ideologie der Rechtfertigung durch den Glauben alleine, die in der Lehre vom versklaven Willen gipfelte, war der doktrinäre und intellektuelle Bestandteil seines moralischen Abstiegs. Es war die Rationalisierung, die seinen spirituellen Abstieg für sein Gewissen tolerierbar machte.

Es war ein spiritueller Abstieg, der Luthers Zeitgenossen nicht unbemerkt blieb. 1522 schrieb Graf Hoher von Mansfeld erklärend an Graf Ulrich von Helfenstein, dass er "eigentlich ein guter Lutheraner sei, doch ich fand heraus, dass Luther ein lauterer Bube war, weil er sich voll saufe wie es in Mansfeld üblich ist, gerne gutaussehende Frauen um sich hat, viel Laute spielt und ein generell liederliches Leben führt." Als Ergebnis von Luthers Verhalten wurde der Graf von der Evangelischen Partei desillusioniert und verlies sie.

1522 schrieb Jacob Ziegler an Erasmus bezüglich einer Konversation mit einem Bischof in Rom, in der "die Meinung geäußert wurde, dass sich Luther der Zuhälterei und dem Suff hingegeben habe." Eine andere Quelle bezichtigen ihn "des Prostituiertenhandels, des Glücksspiels und des Herumhängens in Kneipen". Am 11. Juni 1523 schrieb Wolfgang Rychardus an Johannes Magdenbuch, ein weiterer Arzt, der Luther zu dieser Zeit wegen eines Fiebers behandelte, dass "wenn die Schmerzen der Französischen Krankheit seinen Schlaf stören" [et si cum hoc dolores mali Franciae somno impedimento fuerint], er ein Pflaster aus Wein, Quecksilber und Würmern als Linderungsmittel anbringen sollte. Grisar kommentiert diese Passage, dass "kein Arzt auf diese Weise über einen Patienten reden würde, der nicht die Symptome von Syphillis aufweisen würde", aber er merkt an, dass dies das einzige Dokument im Lutherischen Corpus sei, dass diese Krankheit erwähnt.

Unzählige Quellen bestätigen, dass Luthers ungehindertes Verhältnis mit den abgefallenen Nonnen in Wittenberg die Gerüchteküche anheizte und dass das Gerede die Sache der Reformation bedrohte. In einem Brief vom 16. Juni 1525 beklagte sich Melanchton an Camerarius auf Griechisch - um neugierige Leser zu umgehen - über Luthers "Posen" (bomoloxia) mit den abgefallenen Nonnen in Wittenberg. Luther, so fährt er fort, "ist zu umgänglich mit den Nonnen", die "ihn schlau umgarnen". Als Ergebnis dieses Umgangs sei Luther "geschwächt und entbrannt". Melanchton schreibt, dass es Luthers Verhalten an Würde fehle und dass er und andere Freunde ihn wegen seiner Posen tadeln mussten. Vielleicht wegen der heiklen Natur von Melanchtons Bedenken hat Camerius den Brief stark bereinigt, der in seiner Originalfassung erst 1876 auftauchte - über 350 Jahre nachdem er geschrieben wurde. […]


Allmächtiger und barmherziger Gott, schau gnädig auf mein demütiges Beten und mache mich, Deinen Diener, den Du, ohne eigene Verdienste, durch die unermessliche Freigebigkeit Deiner Milde den himmlischen Mysterien dienen lässt, zu einem würdigen Diener der heiligen Altäre, damit, was meine Stimme hervorbringt, durch Deine Heiligung gestärkt werde. Durch unseren Herrn. 
Oration für den Jahrestag der Priesterweihe



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