Donnerstag, 10. Oktober 2019

St. Trudpert in Münstertal: Ein Ire im Schwarzwald




Zu den bekanntesten unbekannten Wallfahrtsorten im Schwarzwald gehört das Kloster St. Trudpert in Münstertal, das sich gut 27km von Freiburg im Breisgau entfernt hinter dem Winzerort Staufen befindet und über die dortige Straße in Richtung Schwarzwaldhochstraße führt. Seinen Wohlstand verdankte das Kloster neben diversen Silberminen auch einem von weit her gekommenen geheimnisvollen Eremiten aus der Merowingerzeit:
Den um 607 verstorbenen heiligen Einsiedler und Martyrer Trudpert.




Über seine Herkunft ist wenig bekannt. Der älteste erhaltene Bericht über ihn, die Passio Sancti Thrudberti Martyris (St. Galler codex 577) geht schriftlich vermutlich bis ins 9. Jahrhundert, ungefähr 200 Jahre nach dem Tod des heiligen Trudpert, zurück. Nach der damals wahrscheinlich dafür existierenden älteren mündlichen Überlieferung heißt es von ihm, dass er von adliger Herkunft war und entweder aus Irland oder Schottland stammte. Modernere Forscher vermuten dagegen eine fränkische Herkunft; seine irische Abstammung könnte man auf eine Mitgliedschaft von damals umherziehenden Wandermönchen nach irischer Regel zurückführen, zu denen man auch die Heiligen Columban und Gallus zählt und die damals im Merowingerreich keine Seltenheit waren, besonders wenn damit Missionsreisen in heidnische Gebiete verbunden waren. Aufgrund fehlender Quellen muss das jedoch offen bleiben.

Wie die Familie der heiligen Walburga unternahm er eine Pilgerreiche nach Rom, wo er durch eine Erscheinung dazu berufen wurde, nach Alemannien zu ziehen und sich dort niederzulassen. Er zog daher den Rhein entlang und begab sich in den weit gehend christianisierten Schwarzwald, wo er bei einem edler Lehensherrn namens Otbert (vermutlich ein fränkischer Adeliger aus dem Elsass mit alemannischen Besitzungen) um die Erlaubnis bat, sich dort niederzulassen und eine Kirche bauen zu dürfen, worauf der von dem Plan begeisterte Otbert seine volle Unterstützung zusagte. Auch diese Stelle beleibt bis heute für Interpretationen offen: Bestritten wird in neuerer Zeit, dass es sich um eine komplette Klosterkirche gehandelt haben soll; dagegen könnte es vielleicht sich um eine sogenannte Cella als Niederlassung für eine oder mehrere Personen gehandelt haben (wie in Radolfzell) oder eine befestigte Kirche als Missionsstützpunkt oder -durchgangspunkt für weitere aus dem Frankenreich kommende Missionare. Dass dieser Ort tatsächlich größere verwaltungstechische und damit auch bauliche Bedeutung gehabt haben könnte, zeigt der Fund eines ehemals reich verzierten Bronzeschlüssels aus der Merowingerzeit (siehe dritte Seite) auf einem Hofgut bei Münstertal.



Unter diesen Umständen geschah dann auch sein Martyrium. Otbert gab ihm zuvor Jäger mit, mit denen sich Trudpert eine geeignete Stelle für seine eigene Eremitage suchen sollte. Diese Begleiter versuchten ihn jedoch von solchen geeigneten Orten wegzuführen, was ihnen jedoch nicht gelang; vermutlich wollten sie selbst diese Stellen nutzen, vielleicht auch dem fremden Einsiedler möglichst weit wegzuführen oder vergraulen. Auf jeden Fall gab es schon von Anfang an Schwierigkeiten. Vielleicht spielten Konflikte zwischen der alemannischen Bevölkerung und den fränkischen Herren eine Rolle, die plötzlich durch den Fremden, der von einem unliebsamen Herren bevorzug wurde, neu aufflammte.

Bald schon begannen die schweren Rodungsarbeiten, zu denen Otbert ebenfalls Leute aus seinem Verwaltungsbereich schickte, an denen Trudpert aber auch selbst aktiv teilnahm. Es kam aber wiederum zu Streitigkeiten: Die Arbeiten kamen nicht mit den kargen Mahlzeiten des Einsiedlers klar, die er ihnen gab. Sie hätten beinahe die Arbeit komplett niedergelegt, wenn er ihnen nicht ein nachhaltigeres Mittagessen versprochen hätte. Neben lokalen Gereiztheiten kamen also noch persönliche Verständigungsschwierigkeiten hinzu, die Trudpert versuchte zu lösen, wenn sie ihm plötzlich klar wurden.

Schließlich kam es um das Jahr 607 zum Mord: Trudpert hatte einen schlechtgelaunten Arbeiter etwas schroff zurechtgewiesen, worauf sich dieser mit einen anderen zusammentat, um den Fremdling zu beseitigen. Während Trudpert sich zur Pause in seiner Einsiedelei zum Schlafen hinlegte, schlug ihm einer der beiden aus Rache mit einer Axt den Schädel ein, ohne dass Trudpert etwas davon mitbekam.

Dass diese Tat nicht aus plötzlichem Affekt geschah, zeigt die Überlieferung, dass beide versuchten, durch den Schwarzwald in den Osten zu gelangen, wo alemannische Gebiete ohne fränkische Herrschaft existiert haben sollen. Die Tat holte sie jedoch bald ein: Sie verliefen sich auf ungeklärte Weise mehrmals und gelangten zu ihrem Schrecken immer wieder zum Ort des Verbrechens zurück. Beide wurden schließlich von anderen Arbeitern gesichtet und gefangen genommen. Bei der Auslieferung stürzte sich einer der beiden gefesselt in das Schwert seines Bewachers, der Haupttäter wurde gehängt. Trudpert wurde auf Otberts Anweisung in einen steinernen Sarkophag bei der Einsiedelei beigesetzt, die Kirche wurde notdürftig von Otbert als Oratorium fertiggestellt. Von Trudperts Heiligkeit war er durch dessen vorbildlichen Lebenswandel und Mühen um die Verbreitung und Festigung des Glaubens überzeugt, zweifelte aber immer wieder. Da soll ihm Trudpert nach längerer Zeit erschienen sein, um eine Umbettung von ihn zu fordern: Denn in seinen Sarkophag drang Wasser ein. Otbert ließ das Grab öffnen: Doch statt einer von Wasser aufgesogenen Leiche fand man Trudpert noch unverwest vor, was für alle ein Beweis dafür war, dass er nun ein Fürsprecher bei Gott dem Herrn war.

Heute befindet sich an der Stelle, wo der Sarkophag geöffnet wurde, eine eigene Kapelle mit einer wunderbar erhaltenen barocken Einrichtung, die sogar Illusionsmalereien auf den Türen beim Altar enthält mit Szenen aus dem Leben Trudperts: Der Romfahrt und seiner Vorstellung beim Edlen Otbert. Unter der Kapelle befindet sich ein Brunnen mit einer barocken Darstellung des Trudpertgrabes. Ob sich dahinter noch Stücke des alten Sarkophages befinden ist nicht bekannt.



Auch nach Otberts Tod wurde das Grundstück um das Oratorium frei gelassen, was bei seinen Erben zum Streit führte. Im Jahre 634 wurde das Grab vom Bischof von Konstanz noch einmal geöffnet, wobei man Trudpert noch einmal unverwest vorfand. 639 weihte Bischof Martin von Konstanz die Kirche, die dem Heiligen Petrus und Paulus geweiht war, seit dem Jahre 815 bis zur Säkularisation 1806 betreuten Benediktinermönche die Wallfahrtsstätte und das von ihnen dort errichtete Kloster. 901 wurden die Reliquien (von einem unverwesten Leichnam wird nicht mehr berichtet) erhoben, womit sein Kult offiziell anerkannt wurde. Teile der Reliquien gelangten nach ins Benediktinerkloster Ettenheimmünster und Konstanz, wo sie jedoch während der Reformation vernichtet wurden. 1192 begann die offizielle Wallfahrten.




Die Klosteranlage wurde auch mehrmals zerstört und verändert wiederaufgebaut. 911 geschah dies durch den Einfall der Ungarn in das Ostfränkische Reich, was einen Schutzwall nötig machte. 1346 wurde die benachbarte Bergbaustadt Münster aus Konkurrenzneid durch die Freiburger komplett zerstört, mit der Erschöpfung der Silberminen geht damit auch der Niedergang des ehemals bedeutenden  Klosters einher. 1518 und 1525 kam es zu Plünderungen und Schäden durch den Bauernkrieg, die erst 1578 komplett behoben werden konnten; 1632 zum Überfall durch die Schweden, die das gesamte Kloster bis auf die Grundmauern zerstörten. Der Wiederaufbau war weitgehend erst hundert Jahre später durch die Kirchweihe abgeschlossen, wobei Teile des 1456 errichteten gotischen Chores und innere Bruchstücke der alten Klostergebäude bis heute als Zeugnisse des zerstörten Baus zu sehen sind. 1806 wurde das Kloster säkularisiert und vom badischen Geheimrad Freiherr Konrad von Andlaw erworben und als "Schloss St. Trudpert" weitergeführt wurde, während man die Klosterkirche als Pfarrkirche weiternutzte. Ein wertvolles Vortragekreuz mit einem Kreuzespartikel wurde auf lautstarke Bitte der Bevölkerung nicht von den Behörden beschlagnahmt, während ein anderes wertvolles Reliquienkreuz an die Eremitage nach St. Petersburg verkauft wurde.


Freiherr Friedrich von Mentzingen, ein Nachfahre des Geheimrates, verkaufte die Anlage schließlich 1918 an die Kongregation der Schwestern des Heiligen Josef von Saint Marc, die das Kloster wiederbelebten. 1965 wurde die neue Klosterkirche geweiht (Verzögerungen durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten 1929), 1970 wurde St. Trudpert Sitz des Generalmutterhauses der Josefsschwestern, von wo aus auch das 1929 gegründete und 2015 aufgelöste Klinikum St. Trudpert in Pforzheim geleitet wurde.

Das Kloster St. Trudpert in Münstertal ist auch der Sitz der Erzbruderschaft vom Tod des hl. Josef, die 1913 durch Papst Pius X. gegründet wurde und in der Laien für die Menschen beten, die bald sterben werden. Es wird kein Mitgliederbeitrag verlangt.

Die große Prozession um das Kloster und die Grabkapelle findet am Sonntag nach dem 26. April statt, dem Trudpertsfest. Vor den josephinischen "Reformen" gab es gleich mehrere solcher Prozessionen zu Ehren des Heiligen Trudpert im Jahr. Die damals noch in einem Steinsarkophag ruhenden Gebeine Trudperts werden seit 1714 in einem barocken Schrein verwahrt, der heute in einem für die Öffentlichkeit unzugänglichen Tresor aufbewahrt und nur zur großen Prozession freigegeben wird. Bei schlechtem Wetter - wenn die Prozession ausfallen muss - werden die Reliquien im Inneren der Kirche ausgestellt. Im Eintrag der Acta Sanctorum aus der Zeit vor der vollständigen Zerstörung durch die Schweden wird von mehrere alten Prozessionsbildern berichtet, die das Martyrium des Heiligen zeigten.



In Straßburg tauchte seine Vita im 12. Jahrhundert in Form einer Art gekürzten Brevierversion auf; auch in Salzburg tauchte in Messverzeihnissen sein Name auf, weil der mit ihm in der Legende erwähnte Bruder Ruopert missverständlicherweise als der spätere Rupert von Salzburg (der ungefähr hundert Jahre später lebte) gedeutet wurde. Auch eine Verwandtschaft mit der im Breisgau verehrten hl. Erentrudis von Salzburg - die Nichte des hl. Rupert von Salzburg - wurde ihm vom Volk nachgesagt, das sie einmal als seine Schwester, mal als die Nichte der beiden Brüder bezeichnete. Im Verzeichnis der Österreichischen Heiligen wurde Trudpert nicht nur deswegen erwähnt, weil die damalige Gegend nicht nur zusammen mit Freiburg im Breisgau zu Vorderösterreich gehörte, sondern weil man seinen fränkischen Lehens- und Schutzherren Otbert für einen direkten Ahnen des Hauses Habsburg hielt.

Über die damaligen Ausmaße der Pilgerbesuche berichten die Bollandisten in den Acta Santorum, wo einige Wunder genannt werden, die sich um dem Grab von Trudpert ereigneten. Diese Einträge stammen noch aus der Zeit vor der Zerstörung des Klosters durch die Schweden und stellen somit ein wertvolles historisches Zeugnis dar, das nun auch jedem (der Latein lesen kann) über das Internet frei zugänglich ist.



Eine Aufzeichnung berichtet von einer Mutter, deren gelähmtes Kind während des Gottesdienstes geheilt wurde, eine andere von einem erfolgreichen Exorzismus durch die Fürsprache der Muttergottes und des hl. Trudperts. Einem Dominikanermönch aus Westfalen mit dem Namen Cunradus de Corbeia, dessen Augen rapide schlechter wurden und der von seinem Orden nach Freiburg gesendet wurde, erschien bei seiner Übernachtung in Sulzburg der hl. Trudpert als Pilger gekleidet und wies ihn an, zum Kloster in Münstertal zu gehen. Dort erlangte er beim Grabmal des Trudpert seine volle Sehkraft zurück.

Am Rande werden auch von Heilungen von Epileptikern, Blinden, Besessenen und Leprakranken erwähnt. Letzterer Bericht lässt auf ein größeres Wasserbecken beim heute eher kleinformatig angelegten Brunnen schließen. Ein Leprakranker wusch sich mit dem Wasser zunächst seine Hand, die sofort heil wurde. Nachdem dies auch mit seinem Arm passierte, riss er sich die Kleider vom Leib und stieg "wie Naaman" nackt in das Wasser. Solche Becken bestanden im bis zur Neuzeit auch bei der Wallfahrtskirche Ettenheimmünster, wo ebenfalls die Quellbrunnen in der Barockzeit erheblich verkleinert wurden.

Das Wasser, mit dem sich Menschen damals sogar die Augen wuschen, ist heute aufgrund von nahen Gülleausfahrten nicht mehr trinkbar. Außer wenn man unbedingt starke Magenkrämpfe bekommen möchte.


Du setztest, Herr, auf sein Haupt eine Krone von kostbarem Stein. 
Leben erbat er von Dir, und Du gewährtest es ihm. 
Psalm 20, 4-5; Offertorium 4. Messformular für Martyrer, die keine Bischöfe waren




Zu empfehlende Lektüren, die als Quelle dienten: 
- Hermann Bromer (Hrsg.): Wallfahrten im Erzbistum Freiburg. Verlag Schnell & Steiner, 1990. ISBN: 978-3-7954-0850-3. Da das Buch inzwischen vergriffen ist, wird eine Bestellung bzw. Anfrage in Antiquariaten oder auf Amazon empfohlen.
- Die Acta Sanctorum der Bollandisten-Gesellschaft (siehe 26. April,  Seite 462-478; die Wunderberichte beginnen ab Seite 473 und 475)
- Bericht im Magazin-Jahresausgabe "Schauinsland" von 1976: Willi Werth: "Zum realen Kern der Passio Thrudberti im St. Galler codex 577". Der Bericht über den gefundenen Merowinger-Schlüssel befindet sich auf der dritten Seite.


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