Dienstag, 4. Februar 2020

Die Kapelle und Quelle St. Ottilien bei Freiburg/Breisgau




Für viele, die oft durch Arbeit oder in ihrer Freizeit in die Schwarzwaldstadt im Breisgau kommen, dürfte es ein wenig befremdlich sein, dass Freiburg je etwas anderes war als die typisch süddeutsche Esoterik- und Ökohochburg. Ganz früher war sie bisweilen Zentrum für Edelsteinschleifereien, hat dazwischen aus purem Konkurrenzneid eine ganze Siedlung plattgemacht und stieg im 19. Jahrhundert zur Regionalstadt des Okkulten auf. Heute dürfte die Stadt eher durch eine missglückte Uni-Bibliothek, Einkaufsziele für Schweizer und als Ausnüchterungsbereich des örtlichen Adrenalin-Kurortes eher bekannt sein.

Ortkundigen sind daneben auch regelrechte Juwelen von Wallfahrtskirchen bekannt, die leider weit auseinander liegen. Früher waren es in der Stadt gleich mehrere, heute sind lediglich nur noch vier von Bedeutung. Und eine davon gehört zu den wahrscheinlich ältesten Wallfahrtsorten Deutschlands.

Es handelt sich dabei um die Waldkapelle St. Ottilien, die sich in 480m Höhe im Stadtwald Freiburg südlich des Rosskopfes befindet. Zu Fuß sind es von der Freiburger Altstadt 4,5km, von der Haltestelle in Freiburg-Ebnet 2,5km - wobei die Höhensteigung berücksichtigt werden sollte.



Benannt wurde die Kapelle nach Ottilia bzw. Othilia oder Odilia vom Elsass, die im Mittelalter als Helferin gegen Augenleiden bekannt wurde. Geboren wurde Odilia um 660 im Elsass als Tochter von Herzog Eticho und Berswinde, Tochter von König Sigebert III. von Austrasien und Nichte des heiligen Märtyrers Leodegar von Autun. Lange Zeit hatte sie unter ihrem herrischen Vater zu leiden, der während den Kriegswirren später für den Tod des heiligen Abtes Germanus von Granfelden und seines Begleiters Randoald verantwortlich sein sollte, der sich gegen dessen regelmäßige Plünderungen der Bevölkerung beschwerte.



Der Legende nach soll er vorgehabt haben sie zu töten, da sie als sein erstes Kind blind geboren wurde, worauf sie ihre Mutter rettete und ihre Amme sie in das Kloster Baume-les-Dames nördlich von Besançon brachte, wo sie durch die Vermittlung eines Engels im Alter von 12 Jahren durch den heiligen Wanderbischof Erhard von Regensburg getauft wurde und dabei ihr Augenlicht zurückerhielt. Ihr jüngerer Bruder ließ sie der Legende nach wieder nach Hause zurückkehren, worauf dieser vom zornigen Vater erschlagen, von Odilia aber wieder zum Leben erweckt worden sei. Doch schon bald geriet sie selbst wieder ins Fadenkreuz, da der Vater die nun geheilte Tochter planmäßig weiterverheiraten wollte - Odilia selbst hat aber ihr Leben nur Gott geweiht, weswegen sie wieder Richtung Rhein floh. Und hier setzt die Legende um die Freiburger Ottilien-Kapelle ein, die neben dem schweizerischen Arlesheim die Höhle bergen soll, in der sich Odilia vor den sie verfolgenden Vater versteckt haben und eine Heilquelle entsprungen sein soll.

Der Vater wurde von herabstürzenden Felsen schwer verletzt . Durch dieses Erlebnis schwer erschüttert, bekehrte er sich und versöhnte sich mit seiner Tochter, der er ein Grundstück auf dem heutigen Odilienberg in den Vogesen 40km südwestlich von Straßburg schenkte, wo sich heute das Kloster Hohenburg befindet, der als "Heiliger Berg des Elsasses" Mont Sainte-Odile allgemein bekannt ist. Dort wurde sie nach ihrem Tod um 723 bestattet und dort wurde auch ihr Vater in einem Grabmal beigesetzt, das man noch heute (in gotischer Form) sehen kann. Zwischen 700 und 710 gründete sie als Äbtissin neben ihrem Hauptkloster auch das Hospiz Niedermünster am Fuß des Odilienberges, das unter ihrer heiligmäßigen Nichte Gundelinde zum Kloster ausgebaut wurde, seit dem Brand 1542 aber nur noch als Ruine besteht.

Unterhalb des Klosters Hohenberg befindet sich auch die berühmte Odilienquelle, die die heilige Äbtissin für einen Bettler entsprungen lassen haben soll als von ihrem Hospiz wieder ins Kloster zurückkehrte.

Der Gedenktag der heiligen Odilia ist der 13. Dezember. Ihr Kult ist vor allem ihrer Heimat, dem Elsass, und in Süddeutschland verbreitet. Neben den Quellen auf dem Odilienberg, in Arlesheim und in Freiburg gibt es auch mehrere schon bestehende Quellen (z.B. aus angeblichen keltischen Quellheiligtümern), die ihr übertragen wurden z.B. in Bettringen bei Schwäbisch Gmünd. Ihre Reliquien sind unter anderem in der Waldkapelle Freiburg, in Buttisholz im Kanton Luzern durch eine Schenkung durch Kaiser Karls IV. und in Gohr bei Neuss zu finden. Eigenständige Wallfahrtsorte befinden sich unter anderem in Eppingen, in Möschenfeld bei München und in der Erzabtei Sankt Ottilien bei Landsberg am Lech. In einigen Gegenden herrscht übrigens auch Verwechslungsgefahr mit der Märtyrerin Odilia von Köln.

Die erste Kapelle soll am Standort der heutigen Waldkapelle bei Freiburg schon 675 bestanden haben, eine Wallfahrt setzt zwischen dem 7. und 13. Jahrhundert ein. In welcher Form dies ausgesehen haben mag, dürfte offen bleiben - vor allem wenn man bedenkt, dass dies noch im frühen Leben der Odilia eingesetzt worden sein soll. Dürfte man das plötzliche Auftauchen einer wundertätigen Quelle mit einer Person verbinden, die beim einfachen Volk bald als heiliggemäße Frau im Gespräch war, dürfte theoretisch man nicht ausschließen, dass es wohl wie im Falle moderner Volksheiliger zu einer Popularisierung dieses Ortes gekommen sein dürfte.



Auf jeden Fall wurde 1100 eine neue Kapelle gebaut, die 1503 durch die Stiftung des Freiburger Ratsherren Peter Sprung und seine Frau Elisabeth Zehenderin ihre heutige Gestalt erhielt. 1714 kam es zu einem Neubau nach Westen, wobei die bisher freistehende Höhle mit Quelle in das Gebäude integriert wurde. Davor musste die Kapelle oft unter den  Kriegen um Freiburg leiden. 1632 wurde sie durch die Schweden geplündert und zerstört, 1713 kam es während des Spanischen Erbfolgekrieges zur Zerstörung durch den französischen Marschall Louis-Hector de Villars, das nur eines der Techtelmechtel der Franzosen mit den Habsburgern um die Vorherrschaft darstellt, unter der auch 1744/45 die Burg Freiburg geschleift wurde, die sich 4km von der Ottilienkapelle entfernt befindet. Die letzten Restaurierungen fanden 1966/67 statt (wobei die heute sichtbaren Fresken freigelegt wurden) und von 2015 bis 2017, wobei eine automatische Belüftung der Quelle eingebaut wurde, um die zunehmende Feuchtigkeit und Schimmelbildung einzuschränken.

Neben den physischen Zerstörungen kündigte sich auch öfters das säkulare Ende dieser Kapelle an. 1770 wurde durch ein Einschreiten von Kaiser Joseph II. eine Schließung verhindert, der jedoch andere Kapellen zum Opfer fielen. 1785 kam es zur Schließung durch ein Kaiserliches Dekret, das auf Joseph II. ausgestellt war, was jedoch 1791 nach Protesten der Bevölkerung wieder aufgehoben wurde. Der sich daraus ergebende Bescheid verhinderte ebenfalls eine Schließung durch die Badische Regierung während der Säkularisation 1807.

Die Wallfahrer kamen früher hauptsächlich aus dem Elsass, Baden und dem Oberrheingebiet bis in die Schweiz und ist mit der Gaststätte nebenan ein beliebtes Ausflugsziel.



Anfangs hat mich diese Kapelle besonders wegen der Frage interessiert, ob hier tatsächlich so etwas wie eine Höhle besteht. In einigen Photographien war zwar die bekannte Vorderfront aus Kalksteinstücken mit den Figuren aus dem Jahre 1780 zu sehen; jedoch war nicht ersichtlich, ob es sich um eine echte Höhle mit Quelle oder nur einen Nachbau oder ein nachträglich selbstgebautes Brunnenhaus handelt. Was sich nur bei einem Besuch vor Ort begutachten lässt.

Die Höhle befindet sich in einem abgetrennten Bereich im Westen der Kapelle, die man durch eine gotische Tür betritt. Und hier fängt die Überraschung an, denn es geht über eine Treppe erst einmal drei Meter abwärts, wo sich die obig gezeigte künstliche Höhlenfront befindet.


Unterhalb dieser Aufschüttung befindet sich ein gemauerter Schachtzugang, der durch ein Gittertor verschlossen ist und aus dem über eine Rinne das Quellwasser abfließt. Und hier dürfte die Suche schon schnell wieder aufhören, wenn man zufälligerweise keine Taschenlampe bei sich hat.


Wie gesagt: Wenn man keine Taschenlampe dabei hat. Hat man eine dabei, dann kann man tatsächlich durch den gemauerten Schacht durchleuchten bis man an dessen Ende eine massive Höhle vorfindet, in der Richtung links locker ca. vier Personen Platz haben und sich Wasser in einer Böschung am Boden sammelt, das über eine Rinne nach außen gelangt.


Es lässt sich jedoch nicht mit Genauigkeit sagen, ob dies wirklich die Höhle gewesen ist, in der sich die heilige Odilia versteckt hat. Eine Untersuchung hat übrigens ergeben, dass das Wasser, das meist zum Auswaschen der Augen verwendet wurde, Radon enthält; ein ähnliches Wasser wird auch in den Vital Thermen in Menzenschwand bei St. Blasien im Schwarzwald verwendet.

Von einem Konsumieren würde ich persönlich abraten. Vor allem wegen der alten Wasserrinne, in der sich so Einiges angesammelt haben dürfte.


Die Wanderroute mit dem Kreuzweg beginnt bei der ehemaligen Kartause (kleiner Kreis), wobei es mehrere Wege zur Kapelle mit der Gaststätte gibt (großer Kreis):





O Gott, Du Licht der Völker,
Du hast die Hl. Ottilia durch Wunder verherrlicht und der Blindgeborenen im Hl. Sakrament der Taufe das Augenlicht gegeben. Wir bitten Dich nun vertrauensvoll:
Schenke uns auf ihre Fürbitte hin die Gesundheit des Leibes und der Seele, damit wir hier in diesem Leben mit den Augen unseres Leibes in der Schöpfung die Spuren Deiner Weisheit und Liebe sehen können und dereinst im anderen Leben Dich selbst unverhüllt schauen dürfen ohne Ende.

Durch Christus, unseren Herrn. Amen





Zu empfehlende Lektüren, die als Quelle dienten: 
- Hermann Bromer (Hrsg.): Wallfahrten im Erzbistum Freiburg. Verlag Schnell & Steiner, 1990. ISBN: 978-3-7954-0850-3. Da das Buch inzwischen vergriffen ist, wird eine Bestellung bzw. Anfrage in Antiquariaten oder auf Amazon empfohlen.
- Diese nette Festschrift der Erzabtei St. Ottilien
- Ihr Eintrag in dieser ausführlichen Legendensammlung


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