Mittwoch, 16. Dezember 2020

Von Schafen, Lämmern und dem Wetter in Bethlehem




In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Evangelium nach Lukas, 2, 8-12


Neben der Behauptung, dass es sich bei dem Datum von Weihnachten um eine Übernahme aus dem Heidentum handle (ein scheinbares Manko, das wir auch beim Thema Allerheiligen und Halloween hatten) und der Skepsis gegenüber der Existenz des Kindermordes von Bethlehem gibt es noch ein weiteres Argument, dass gerne gegen die Historizität des kirchlichen Weihnachtsfestes im Dezember ins Feld gebracht wird: Dass es von der Jahreszeit her viel zu kalt für die Hirten, die die Heilige Familie aufsuchten, und deren Schafe gewesen sei.

Um ganz am Anfang mal das einfachste Argument abzuarbeiten: 
Nein, das gerne im Internet herumgereichte Photo von Bethlehem im Schnee entstand nicht in nahöstlichen Bethlehem im Autonomen Palästinensergebiet, sondern im britischen Bethlehem in der walisischen Grafschaft Carmarthenshire, das seinen Namen von einer Kapelle her ableitet. 2002 wurde die aus den 1960ern stammende dortige Tradition, Weihnachtskarten hier im Postamt absenden zu lassen, übrigens zur Freude von Einheimischen und Touristen wiederbelebt. 

Auch wenn dieses Bild ab und zu gerne hervorgezogen wurde, um zu mit den klar sichtbaren Schneemassen zu "beweisen", dass es in Bethlehem zu kalt wäre, um draußen Schafe zu weiden, stammt es dennoch in Wirklichkeit von der Bethlehem Village Band, die das Photo als Albumcover verwendete.


Das Bild mal komplett beiseite gelassen, wird trotzdem gerne das Argument von dem Klima, das sogar für Schafe zu kalt sei, vorgebracht. Gerne werden dazu ebenfalls Bilder vom verschneiten Jerusalem gezeigt. Wenn man jedoch nach den durchschnittlichen Wetterdaten geht, stellt dies in vielen Fällen eher eine klimatische Seltenheit dar, in Jerusalem selbst wird oft die Tiefsttemperatur von 3°C selten unterschritten. Auch in Bethlehem, das mit 775m beinahe auf gleicher Höhe liegt, ist die Durchschnittstemperatur um die 10°C nachts im Januar am niedrigsten. Auch unter der Berücksichtigung, dass es im Laufe der Zeit zu Änderungen der Temperatur kommen kann, ergeben sich keine ernsthaften Probleme, warum Hirten um den 24. Dezember vor 2.000 Jahren nicht auf den Feldern gelagert haben sollen. 

Diese Tatsache wird gerne übersehen und mit einer winterlichen Situation wie in Europa oder Vereinigten Staaten gerne durcheinandergebracht, wenn auch aus Unwissenheit. Einen besonderen absichtlichen Taschenspielergriff dagegen versuchten zum Beispiel die Zeugen Jehovas, die zwar von "kalt und verregnet" sprechen und dem Januar als den kältesten Monat in Heiligen Land, jedoch ganz einfach die genauen Temperaturen dem Leser vorenthalten; wer den Artikel über die Einstellung der Zeugen Jehovas zum Kreuz gelesen hat, dürfte dieses Phänomen schon ausführlich bekannt sein. 



Neben den Temperaturen muss man sich auch die Schafe dieser Gegend selbst etwas genauer anschauen. Die Schafe dieser Gegend, die Awassi bzw. Fettschwanzschafe, die von Arabien bis Ägypten auch wegen ihrer Milchproduktion gerne von Nomaden gehalten werden, sind auffällig schädlingsresistent und tolerant gegenüber extremen Temperaturen. Bei vielen Schafen in Israel, Palästina, Jordanien und Syrien kann außerdem die Geburtszeit von Lämmern aufgrund der Negativen Photoperiode, bei der der Eisprung bei Schafen bei abnehmenden Licht im Herbst stattfindet (und einer Tragezeit von 150 Tagen wei bei den Ziegen) auf die Monate Dezember/Januar fallen. In dieser Zeit sind die Hirten von besonderer Bedeutung, da sie die säugenden Schafe in offener Natur schützen müssen. 

Dass dieser Zeitraum in dieser Gegend auch heute vollkommen selbstverständlich ist, zeigt ein Artikel der IFCR (International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies) vom Januar 2017, in dem berichtet wird, dass 1.000 Schafe und10 Tonnen Schaffutter in die ländlichen Gebiete in Homs und Latakia geliefert wurden:

[...] Jedes Schaf war schwanger und erreichte die Familien rechtzeitig zur Ablammsaison. Aber ein Mutterschaf konnte nicht warten und die neuen Besitzer erhielten eine Überraschungsankunft eines neugeborenen Lammes, das sie mit der Mutter mit nach Hause nahmen.

"Es geschah so schnell!", erklärte Ylanda Davila, IFRC Lebensunterhaltsdelegierte, die bei der Verteilung anwesend war. "Die Schafe sind eine starke heimische Züchtung und das Mutterschaft wusste, was es tun musste. In weniger als fünf Minuten war das Lamm geboren und stand bereits. Es war eine wundervolle Überraschung für die Familie, die zwei Schafe mit nach Hause nahm und das Neugeborene einlebte."

Im Gesamten erhielten 500 Familien (200 in Al Hosn, Al Shawahed und Midan und 300 im ländlichen Latakia) jeweils zwei Schafe und 200kg Schaffutter für den Winter und werden weitere 200kg im Frühling bekommen. [...] 



Interessant ist ebenfalls, was P. Martin Ramm FSSP in seinem Pilgerreiseführer über das Heilige Land auf Seite 140 zu den Umständen vermerkt: 

[...] Gegen das "Schafsargument" [d.h. dass man keine Schafe im Dezember im Freien gehalten hätte]  wird erwidert, die Juden hätten damals drei Arten von Schafherden unterschieden. Die weißen Schafe, die sie für rein hielten, seien abends in die Ställe gebracht worden. Die gefleckten Schafe wurden in einen Stall außerhalb der Stadt geführt. Die schwarzen Schafe aber, die als unrein galten, mussten das ganzen Jahr hindurch mit ihren Hirten draußen bleiben. Folglich kann sich das Evangelium durchaus auf jene unterste Klasse von Hirten beziehen, wenn es heißt: "In derselben Gegend waren Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihren Herden."

Andere Deutungen gehen so weit, dass man die Hirten sogar als "Levitischen Hirten" deutet, die für die Opferlämmer für den Jerusalemer Tempel zuständig waren und das makellose Lamm in Stoff wickelten und in einer Krippe unterbrachten, um es vor Gefahr und Schaden zu schützen. 

Natürlich könnte es auch sein, dass es sich um von Pater Ramm genannte Hirten handelte, die jedoch unter dieser den anderen Hirten aufgetragenen Handlungsweise den Messias erkannten, der in Bethlehem geboren wurde (vgl. Micha 5)und für sein Volk wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt werden wird, um es von seinen Sünden reinzuwaaschen (Jes 53,7)




Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat! So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war. 
Evangelium nach Lukas, 2, 15-20




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