Mittwoch, 17. Februar 2021

Zweierlei Memento Mori


Zum Aschermittwoch noch einmal zum Thema "Memento Mori":
Natürlich muss man anmerken, dass nicht jedes Gedächtnis an die Sterblichkeit des Menschen, die in der Aschermittwochsliturgie mit den Worten Meménto, homo, quia pulvis es, et in púlverem revertéris ("Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst") ausgedrückt wird, dieselbe ist - besonders in der moderne Gesellschaft, in der nicht nur übliche säkulare Strömungen wie Atheismus, Materialismus, Naturalismus, Hedonismus und bisweilen eine weichgespülte Version des Nihilismus fröhliche Umstände feiern, sondern auch Gläubige gerne in das Loch des Immanentismus fallen und zwischen ungläubigen Existenzialismus und gläubigen Progressismus ständig einherspringen. 

Man könnte das alles natürlich auf eine dekadente Moderne, die mit dem "Erleben des Lebens" (was auch die Idee der Reinkarnation für Viele so sympathisch macht) und Konsumieren nicht mehr nachkommt und sich am liebsten Unsterblichkeit auf direktem Wege der Wissenschaft - gepriesen sei Ihr Name - wünscht, schieben. 
Aber das wäre ganz ehrlich betrachtet falsch. 

So gibt es im Ägyptischen Museum Berlin ein äußerst interessantes Exponat (das leider Online nicht aufzufinden ist im Gegensatz zu einer antiken Strafarbeit und diversen Grabfigürchen), bei dem es sich um ein 9cm hohes Kästchen und einem 5,7cm großen Modell eines Skeletts aus der Ägyptischen Spätzeit handelt. Zu diesem Objekt, das als Inventar Nr. 20472 aufgelistet ist, heißt es im Katalog von 1967: 

Der kleine Holzschrein mit einer in Leinen gewickelten Skelettfigur aus Holz erinnert so sehr an das, was Herodot von den Gastmählern der Reichen berichtet, daß ein entsprechender Zusammenhang überaus wahrscheinlich ist. Herodots Bericht lautet: "Beim Gastmahl, wie es die Reichen halten, trägt nach der Tafel ein Mann ein hölzernes Bild einer Leiche, in einem Sarg liegend, herum. Es ist auf beste geformt und bemalt und eine oder zwei Ellen lang. Er hält es jedem Zechgenossen vor und sagt: 'Den schau an und trink und sei fröhlich! Wenn Du tot bist, wirst du das, was er ist.' Solche Sitten haben sie bei ihren Gelagen" (II, 78). Auf der oberen Hälfte der Vorderseite des Kästchens sind die Riegel wiedergegeben, mit denen Klapptüren solcher Schreine zu öffnen waren. Die tatsächliche Öffnung des Kästchens ist jedoch ein Schiebdeckel auf der Unterseite des Behälters.


Natürlich kommt an dieser Stelle auch der Gedanke an den 1. Korintherbrief des heiligen Apostels Paulus ( 1 Kor 15,32):

Wenn die Toten nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot. 

Nicht nur dem in der hellenistischen Kultur durchschnittlich bewanderten Juden Paulus aus dem kleinasiatischen Tarsus dürfte daher dieser Ausspruch bekannt gewesen sein, sondern auch seinen Zuhörern, die in Korinth lebten, das man in etwas heutigen Sinne als Partystadt á la Berlin oder Hollywood bezeichnen könnte - der Ausdruck "Korinthisches Mädchen" war übrigens am Rande bemerkt eine weiterhin andersweitige Bezeichnung für eine Prostituierte; den üblichen städtischen antiken Rest (Ess- und Trinkgelage etc.) kann man sich selbst dazudenken...

Wobei Paulus nicht bei diesem Hedonismus stehen bleibt, wenn er auf Christus und dessen Auferstehung verweist, an der auch die Schöpfung am jüngsten Tages Anteil haben wird: Ist Christus nicht auferstanden und werden die Toten nicht eines Tages auferstehen, dann kann man sich kurz vor knapp noch mit weltlichen Genüsslichkeiten, Vergnü- gungen und Gelüsten ruhig die Zeit vertrödeln, denn man das Licht einmal aus ist, dann ist es endgültig aus und man sinkt ins Nichts zurück, aus dem man kommt oder als "Schatten" in die Totenwelt, wie es die damaligen Heiden glaubten. 

Wenn dagegen noch etwas kommt - und das ist die letztendliche Erfüllung durch Gott den Schöpfer allen Lebens und allen existierenden Seins selbst -, dann werden diese Dinge sekundär und auch die Torschlusspanik, die man auch (und besonders) bei vielen Menschen beobachten kann, die nicht bekommen, was sie wollten, lässt nach. Ebenso das heute weit verbreitete Verlangen, sich im Leben unbedingt vor anderen beweisen zu müssen bzw. wie die wohlhabenden Heiden der Antike besondere Dinge zu hinterlassen, auf dass der eigene Name nicht so schnell von kommenden Generationen vergessen werde. 

Es kann sein, dass es Leute gibt, die im Fasten lediglich eine Möglichkeit zur Gesundheitsverbesserung sehen, um möglichst lange und gesund leben zu können, was ja auch aus biologischer und medizinischer Sicht ein vollkommen vernünftiger Gedanke ist - auch Kirchenväter wiesen immer wieder auf die körperlichen Vorteile dieser Übung hin. Geht dies jedoch in der kirchlichen Fastenzeit mit einem Verlust der geistlichen Dimension einher - dem Vorbereiten auf die Hochfeste Ostern und Pfingsten, sowie den Gnaden, die das Fasten und Beten für denjenigen bereithält, der aus Liebe und Vorbereitung auf Gott verzichtet -, ist dies unter diesem Umstand notwendigerweise als unberechtigte Verkürzung der dem Menschen von Gott gegebene Zeit zu kritisieren. 

Denn wie auch die Hedonisten mit Eintreten des Todes keinen Wein mehr nachschütten können, so macht auch der Umstand, den Schädel von einem unvorhersehbar herunterfallenden Ziegel eingeschlagen zu bekommen, eine letzte Umkehr vor dem persönlichen Gericht (vor dem auch der Herr in Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus warnt, Lk 16,19-31) unmöglich, wenn man diese Angelegenheit viel zu lange hinausgeschoben hat. 
Ein Punkt also, in dem sich tatsächlich beide Seiten paradoxerweise einmal einig sind. 


Lasst uns bessern, was wir unwissend gesündigt haben, damit wir nicht, plötzlich am Tag des Todes überrascht, Zeit der Buße suchen und sie nicht mehr finden können. 
Responsorium zur Auflegung der Asche