Samstag, 10. April 2021

Von Jerusalem über Eichstätt in die Ukraine: Das Heilige Grab im Schottenkloster


Neben dem Grab der heiligen Walburga und des heiligen Willibalds hat Eichstätt auch eine andere Besonderheit zu bieten. Im Schottenkloster im Osten der Stadt befindet sich eine Nachbau des Heiligen Grabes zu Jerusalem, so wie es seit der Freilegung durch Kaiser Konstantin den Großen als eigenes Gebäude innerhalb der Auferste- hungsbasilika bis heute besteht.

Während des Mittelalters entstanden verschiedenste Nachbildungen des Ortes, an dem Christus am dritten Tag nach seinem Leiden und Sterben am Kreuz von den Toten auferstand, was für alle nachvollziehbar zum Herzstück des christlichen Glaubens gehört. 

In Deutschland sind Rotunden-Kirchen zu nennen wie die um 820 unter Abt Egil erbaute Michaelskirche in Fulda, die damals noch Teil des 1803 aufgelösten Klosters war, und die nach 940 vom hl. Bischof Konrad erbaute Mauritius-Rotunde im Konstanzer Münster. Bei runden oder oktogonalen "Templerkirchen" bleibt für viele seit dem 19. Jahrhundert die Diskussion teilweise offen, ob es sich wie in den anderen Fällen ebenfalls um einen Nachbau der Auferstehungsbasilika handelt - oder doch eher um einen Nachbau des Tempels/Felsendomes, der sich noch heute auf dem Areal des ehemaligen jüdischen Tempels befindet und bisweilen von Graphikern wie Hartmann Schedel oder Pietro Perugino als rundes Gebäude dargestellt wurde. Diskutabel, weil gerne zu schnell Parallelen zwischen der Bauform und dem beliebtesten Ritterorden der Esoterikszene gezogen werden. 

Neben dem Nachbau der Gebäudestruktur der Basilika selbst sind auch mehrere Nachbauten der sogenannten Ädikula (lat. "kleines Gebäude") selbst zu nennen. In Deutschland ist das bekannteste freistehende Beispiel das Heilige Grab in Görlitz aus dem 15. Jahrhundert. Als besonders extravagantes Beispiel in Italien kann man die Marmorversion davon in der Florentiner Kirche San Pancrazio nennen.

Auch blieben volksnahe Darstellungen der Passion Christi nicht alleine auf das Heilige Land beschränkt. Neben den Passionsspielen, die während des Mittelalters in Europa abgehalten wurden, und den Niederschlägen in der Liturgie verbreitete sich im 15. Jahrhundert die Passionsfrömmigkeit, die in den "Ölbergen" ihren Ausdruck fand, die man sogar in mehreren benachbarten Dörfern einzeln an der Kirche oder den Friedhöfen vorfinden konnte, wo sich Menschen sammelten. Im badischen Dorf Oberöwisheim ist neben einer solchen figürlichen Darstellung auch eine komplette Kanzel und die Reste einer scheinbaren Totenleuchte oder sogar einer  Bildstocklampe erhalten. In einigen Ortschaften entstanden sogar Nachbildungen der Via Dolorosa, unter denen sich besonders der Kreuzweg in Bamberg als ältester vollständig erhaltener hervortut. Im kleineren Maße sind in vielen Gemeinden auch vereinfachte Darstellungen des Grabes Christi zur Kar- und Osterzeit vertreten, die danach aber meist wieder abgebaut werden. 


Nach diesem kurzen Exkurs nun also zurück zum Heiligen Grab in der Schottenkirche zu Eichstätt.
Erbaut wurde dieses im Jahre 1166 durch Domprobst Walbrunn von Rieshofen, darüber wurde eine Rundkirche "Zum Heiligen Kreuz" mit Ost- und Westchor errichtet. 1194 wurde die Kirche durch Bischof Otto geweiht, betreut wurde sie durch "Schottenmönche" - Benediktiner aus Irland - der Abtei St. Jakob in Regensburg, daneben befand sich ein Leprosenhaus für heimkehrende kranke Kreuzfahrer. Um 1460 verlassen die Mönche das Kloster, da das Vermögen durch das Leprosenhaus aufgebraucht worden ist. 1483 wird es von den Rebdorfer Augustinerchorherren übernommen. 

 

1552 wurde das Kloster von den protestantischen Truppen des Herzogs Moritz von Sachsen, der das Jahr darauf bei der Schlacht bei Sievershausen durch eine Schusswunde getötet wird, geplündert und entweiht, wobei das Heilige Grab bestehen bleibt, das 1610 aufgrund des Abbruches der inzwischen baufälligen Kirche - von Verfallserscheinungen wird bereits in Urkunden von 1441 und 1541 berichtet - abgebaut und die Teile eingelagert wird. Daher kommen auch die eingemeißelten arabischen Ziffern, die man dort noch heute sehen kann.


Bischof Johann Konrad von Gemmingen plante zusammen mit dem dem Baumeister Elias Holl, einen runden Neubau, der auf das Heilige Grab seine besondere Betonung legen sollte. Der Plan konnte nie ausgeführt werden, dagegen kam es erst 1623 unter dessen Nachfolger Johann Christoph von Westerstetten, der auch die Kapuziner nach Eichstätt berief, zur Grundsteinlegung des heutigen Kirchengebäudes, deren Planung der Kapuzinerpater Stephan von Ellwangen übernahm. Das Heilige Grab wird in dem wesentlich vergrößerten südlichen Seitenschiff untergebracht, das von Außerhalb betrachtet optisch nicht weiter auffällt. 


Neben Verputz und Bemalungen des Heiligen Grabes im 17. Jahrhundert - das 1625 neu geweihte Kloster blieb beim Stadtbrand 1634 während des Dreißigjährigen Krieges verschont - , der um 1935/36 wieder entfernt wird, kommen im 19. Jahrhundert die Galeriebrüstung und die Laterne hinzu, auch wenn diese alten Zeichnungen zufolge schon zuvor dort bestanden haben sollen. Das Heilige Grab ist trotz dieser Umbauten immer noch der am besten erhaltene Nachbau aus romanischer Zeit. Auch der mittelalterliche Kopf über dem Eingang des Grabnachbaus, der als Engelskopf beschrieben wird, blieb trotz immer wieder unruhiger Zeiten bis heute erhalten. Auch die Grabkapelle, die neben dem Vorraum mit kleinem Altar in Eingang eine Grabkammer mit einer Christusfigur darin birgt, ist immer noch begehbar. 


Der Konvent der Kapuziner im Schottenkloster wurde 2009 aufgelöst und 2012 von den Passionisten übernommen, die neben der Messe auch in den im Ostchor zugänglichen Beichtzimmer täglich das Sakrament des Buße spenden. Zu den bekanntesten Kapuzinern des Kloster gehörten Pater Ingbert Naab, der sich als Kritiker der NS-Politik seit ihren Anfänger hervortat und auch mit Fritz Gerlich beim "Geraden Weg" zusammenarbeitete, der 1934 nach der "Nacht der langen Messer" im KZ Dachau ermordet wurde und für den seit 2017 der Seligsprechungsprozess läuft, und Pater Viktrizinus Weiß, für den seit 1935 ebenfalls der Seligsprechungsprozess läuft. Für den übrigens auch Naab geworben hat, der heute noch auf dem Friedhof der Kapuziner in Eichstätt begraben liegt. 

  

Überraschend an dem Heiligen Grab dürfte die Akkuratheit dieses Nachbaus sein, nicht nur in den Proportionen, sondern auch in den verwendeten Maßgaben, dass eine Ausmessung vor Ort wie im Falle des Bamberger Kreuzweges in keinster Weise ausgeschlossen werden kann. 

Eine ganz besondere Anerkennung dieses Sachverhaltes erhielt das Heilige Grab von Eichstätt durch den griechisch-katholischen Metropolit von Ternopil, Vasyliy Semenyuk, der es als Vorbild für eine weitere Nachbildung für den ukrainischen Marienwallfahrtsort Zarvanytsja - dem größten in der Westukraine - nutzte als Teil eines "ukrainischen Jerusalems". Es solle vom Aussehen her orignalgetreuer sein als das Heilige Grab in Jerusalem selbst, das immer wieder renoviert und gleichzeitig äußerlich verändert worden sei. Das Heilige Grab in Eichstätt sei "aufgrund seiner Genauigkeit und seines guten Zustandes einzigartig"

Nach einem Besuch 2013 in Eichstätt sei Erzbischof Semenyuk sofort von der Idee eines Nachbaus für die Gläubigen in der Ukraine, die sich keine Reise ins Heilige Land leisten können, begeistert gewesen. Das Diözesanbauamt hat ihm auch die Bauzeichnungen gegeben. Einen letzten Schliff erfuhr das Projekt, das von 2014 bis 2018 verwirklicht wurde, durch einen nochmaligen Besuch durch die Architekten, die es nochmals für die Planung begutachteten und vermaßen. Ein besonderes Geschenk brachte Francesco Patton von der Franziskaner-Kustodie des Heiligen Landes mit: 
Ein Stein aus der Grabeskirche, der als Reliquie in den Nachbau eingebaut wurde. 



Keine Kommentare:

Kommentar posten