St. Petrus Martyr



Vor einiger Zeit wurde ich wegen dem netten Mönch angesprochen, der die Leser dieses Blogs mit seiner bloßen Anwesenheit anfangs jedesmal so freundlich begrüßt. Dabei handelt es sich um einen Heiligen aus Italien, der für durchschnittliche Kirchgänger (oder Nicht-Kirchgänger) herzlich unbekannt und seine Darstellung noch herzlich verstörender sein dürfte, nämlich dem Heiligen Petrus Martyr bzw. Petrus von Mailand oder Petrus von Verona.

Jedenfalls dürfte er für den durchschnittlichen modernen deutschen Kunstliebhaber eher ein exotischer Fall sein - auch im "Heiligen Köln", wo er der Schutzpatron der Kölner Brauer darstellt, nach dem auch die Petrus von Mailand-Bruderschaft benannt wurde, und wo im Kapitelsaal des Domes ein Buntglasfenster aus dem 13. Jahrhundert mit ihm darauf abgebildet zu sehen ist. Umso überraschender dürfte an dieser Stelle die Popularität des 1252 in Mailand Ermordeten und bereits 1253 Heiliggesprochenen sein, dass bereits um 1280 solch ein Kunstwerk am Rhein vorhanden gewesen ist - wohl auf aktives Betreiben des Dominikaner-Ordens, dem Petrus angehörte und der sich damals wie die Franziskaner explosionsartig in ganz Europa ausbreitete.

In diese Zeit fiel auch das Leben des Petrus: Geboren wurde er um 1205 in Mailand als Kind von einer Familie, die der Sekte der Albigenser angehörte - darauf kommen wir jedoch gleich noch einmal zu sprechen. In seiner Schulzeit fand er mit sieben Jahren dennoch einen Weg zum katholischen Glauben, der ihn Gott als den Schöpfer der Welt näher brachte, der ihn so sehr bewegte, dass er sich nach Verlassen seines Elternhauses zum Theologie-Studium in Bologna entschloss. Wie auch der Heilige Albertus Magnus (übrigens in der Kölner Dominikaner-Kirche St. Andreas beigesetzt) in Padua, so begegnete er als Student dem neu gegründeten Predigerorden der Dominikaner, in den er 1221 aufgenommen wurde.

1232/1233 wirkte er in Mailand und nutze seine Kontakte für die Vorbereitung seines großen Vorhabens: Der Bekehrung der Albigenser, durch die er durch seine Tätigkeit als Prediger und Diskutant berühmt werden sollte, die er ab 1238 in Mittel- und Oberitalien ausübte.



Dazu muss man an dieser Stelle einen kurzen Abriss geben über die Sekte der Albigenser, die auch als Katharer bekannt sind - im Deutschen entstand durch die Verballhornung dieses Namens übrigens der Begriff "Ketzer". Das moderne Bild der Katharer ist hauptsächlich geprägt von ihren Ruf als friedfertige Mysterienreligion mit urchristlichem oder esoterischem Geheimwissen (gewisse Personen lassen grüßen), als deren Gegenpart sich die nach Geld und Macht lechzende Kirche darstellt - also ziemliches Dan Brown-Verschwörungs-Niveau. Doch die Wirklichkeit dahinter ist etwas komplizierter, erklärt aber den raschen Aufstieg und Fall dieser Abspaltung.

Das fängt bereits bei dem Namen selbst an, der auf das griechische καθαρός (katharos, "rein" im übertragenen Sinne "die Reinen") zurückgeht. Dabei handelt es sich um eine dualistische Sekte, die starke Ähnlichkeiten mit einer ältere esoterisch-dualistische Bewegung, den Manichäern hat. Der Begriff Katharer stellt jedoch einen älteren Sammelbegriff dar, der im Mittelalter auf verschiedenste Gruppen überging, die ihren Ursprung in den oströmischen Bogomilen vom Balkan haben, die ebenfalls Elemente älterer dualistischer Sekten aufweisen - man könnte also den Katharismus als Zeitkaspel bezeichnen, die unter bestimmten Umständen schließlich irgendwann wie ein im Boden vergessener Blindgänger hochgehen sollte. Der erste Umstand war der Verkehr des westlichen Europa mit dem byzantinischen Reich, auf dessen Wege dualistische Prediger nach Frankreich, Deutschland und Italien gelangen sollten. Ein weiterer Umstand waren die Missstände im Klerus, die von diesen Predigern ausgeschlachtet wurde, sowie das Entstehen von pantheistischen bzw. quasi-pantheistischen Strömungen, die von sich glaubten, von sich aus so voll des göttlichen Geistes zu sein, dass sie keine Sünden mehr begehen könnten und daher keine Amtskirche mehr bräuchten. Ein Vierter war die Unterstützung durch Wohlhabende und Fürsten.

Trotz Aufsplitterung in verschiedene Gruppen waren ihnen die Ablehnung Gottes als Schöpfer der Welt (diese wurde einem ewigen bösen Wesen bzw. einem bösen Gott zugeschrieben, das von den Bogomilen als Gottessohn Satanael bezeichnet wurde, zu dessen Bekämpfung der andere Gottessohn Jesus Christus auf die Welt kam ), die Ablehnung der Göttlichkeit Christi, dessen Menschwerdung (er erschien den Menschen ihrer Meinung nach lediglich in einem Scheinleib) und dessen Kreuzestod gemeinsam. Außerdem zeichneten sie sich durch einen aggressiven Antiklerikalismus aus, der die Kirche wegen ihrer zu starken Bindung an Besitz ablehnte, sowie die Sakramente, die nach deren Meinung keinerlei Wirkung besaßen, da die Priester seelisch nicht rein genug seien. Man könnte sie im heutigen Sinne mit der Sekte Universelles Leben vergleichen - außer dass die Katharer selbst Bischöfe sowie einen eigenen Klerus hatten.

Aufgeteilt waren sie in "Vollkommene", die angeblich keine Sünden mehr begehen konnten, sowie den "Credentes", die ihren Vorgesetzten versprechen mussten ("Convenenza"), vor ihrem Tode die Geisttaufe ("Consolamentum", nicht zu verwechseln mit der kirchlichen sakramentalen Taufe, die die Katharer ablehnten) zu empfangen, um selbst zu "Vollkommenen" zu werden. Um danach nicht wieder diesen Zustand zu verlieren, hungerten sich viele zu Tode oder vergifteten sich ("Endura"), wenn der Tod nicht von selbst einzutreffen drohte. Während die Vollkommenen sich an keine Gesetze halten mussten (da diese von der bösen Welt stammten und damit selbst böse seien), konnte die Sünde den Credentes nach ihren Ansicht nach nichts anhaben, da durch das Consolamentum diese wieder vollkommen aufgehoben werden konnte. Ausschweifungen und Missachtung gesellschaftlicher Normen waren daher selbst unter den Albigensern nicht selten - Luthers "Glaube fest und Sündige tapfer" lässt grüßen.  Der Katharergraf Raimund VI. von Toulouse konnte sich fünfmal von seinen Frauen trennen, da die Ehe für sie keine Gültigkeit besaß (übrigens galt die Zeugung von Nachwuchs wie Besitz und Verzehr von Fleisch als unrein, da damit noch mehr Kinder als eine Art teuflische Brut auf die Welt gebracht worden wäre. Schwangere wurden daher nicht zum Consolamentum zugelassen), und ließ sich aufgrund seiner Unterstützung ständig von Vollkommenen umgeben, die ihm im Notfall das Consolamentum spenden konnten. Es kam auch vereinzelt zu Zusammenrottungen, Brandstiftungen und Plünderungen von Kirchen und Mordanschläge durch katharische oder ähnliche Gruppierungen in ganz Europa wie in Antwerben, wo 1115 der häretische Wanderprediger Tanchelm mit 3.000 Bewaffneten den Aufstand wagte, jedoch von einem Priester erschlagen wurde. In diesen Fällen war bereits die weltliche Obrigkeit alarmiert.

Die Reaktion der Kirche war sehr verhalten. Wegen ihrer beißenden Kritik am Wohlstand des Klerus und ihren Erfolgen bei der einfachen Bevölkerung als "Gute Christen" hatten die Kirchenoberen wenig Chancen selbst einzuschreiten. 1206 schickte Papst Innozenz III. Zisterziensermönche zum Zentrum der Katharer, nach Südfrankreich, um sie durch Glaubensdispute wieder zur Kirche zurückzuführen. Nachdem der Zisterzienser Pierre de Castelnau von einem Gefolgsmann des Raimund VI. von Toulouse getötet wurde, kam es zum offenen Konflikt, den Albigenserkreuzzug, der bis 1229 dauerte und auf beiden Seiten zu brutaler Gewalt führte, die schließlich in Massakern an Albigensern von Seiten der Kreuzritter endete. Auch hielt das viele katharische Gruppen nicht auf, sich in Norditalien zu verbreiten, woher auch Petrus Martyr stammte.



Dieser hielt es wie der Heiliger Dominikus weitaus wichtiger, die Irrlehren der Albigenser durch ein authentisches Leben und die Verkündigung des Glaubens zu bekämpfen. Petrus prangerte in seinen Predigten die Doppelmoral vieler Christen an, die zwar ihren Glauben mündlich bekunden, aber in ihren Werken vollkommen anders handelten. Wie der Heilige Dominikus, der den Rosenkranz etablierte, der in seinen fünfzehn Geheimnissen von der Menschwerdung, dem Leiden und der Verklärung des Leibes sich gegen die oberflächlich , aber in sich lebensfeindliche Lehren der Katharer wendete, wirkte Petrus Martyr verschiedene Wunder durch das Zeichen des Heiligen Kreuzes - ein Zeichen, das durch die Katharer ebenfalls abgelehnt wurde (und schon wieder sind wir hier beim Thema Kreuz und Triggern). Auch das Anbiedern als "Gute Christen" und eigentliche Katholiken machte Petrus ihnen immer schwerer - woran auch heute noch eine Kapelle in der Basilika Sant’Eustorgio in Mailand erinnert.

1232 stieg er zum päpstlichen Gesandten in Mailand auf, 1241 wurde er Prior in Asti, 1251 Prioir in Como und im gleichen Jahr päpstlicher Inquisitor. Die Inquisition entstand nach Ende der Albigenserkriege 1229 explizit wegen der Ausbreitung der Katharer, die sich inzwischen sogar in Kircheninstitutionen einschleusten, um deren Prediger und Agitatoren auszuheben und dingfest zu machen - eine Sache, die bereits 1184 beschlossen wurde, sich aber wegen fehlender Organisation und mangelnder Berücksichtigung der Konzilsbeschlüsse von Verona nicht wirklich durchsetzen konnten.

Trotz der Möglichkeiten, die Petrus nun offen standen, zog er es weiter vor, statt Strafe von Überzeugsgesprächen und Disputen Gebrauch zu machen, um die Herzen direkt zu bekehren. Damit machte er sich bei den nicht nur asketischen, sondern auch wohlhabenden und wohlvernetzten Albigensern alles andere als beliebt, die bald zwei Auftragsmörder anheuerten. Diese fingen ihn am 6. April 1252 und seinen Mitbruder Dominikus auf dem Weg von Como nach Mailand ab. Carino von Balsamo, einer der beiden, schlug mit einer Axt auf seinen Kopf ein, sein Begleiter wurde tödlich verletzt und starb fünf Tag nach dem Anschlag. Doch Petrus war noch nicht tot. Er richtete sich noch einmal auf seine Knie und sprach noch einmal den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses - der Legend nach soll er die Worte "Credo in unum Deum" sogar mit seinem eigenen Blut als Aufopferung auf den Boden geschrieben haben. Als sein Mörder dies merkte, versetzte er ihm mit seinem Dolch einen endgültigen Stich ins Herz.


Doch die Geschichte war an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Auch nicht für den Mörder. Während sein Komplize Manfredo Clitoro in die Alpen zu den damaligen Waldensern floh, die teilweise gemeinsame Sache mit den Albigensern machten, packte Carino von Balsamo die Reue und er erlebte eine Bekehrung. In Forlì fand er Zuflucht in einem Dominikanerkloster, wo er dem Seligen Giacomo Salomoni von Venedig seine Tat beichtete und zur Buße als Laienbruder dort eintrat. 1293 verstarb er im Rufe der Heiligkeit.

Zurück zu Petrus Martyr. Bereits am 25. März 1253 wurde er von Papst Innozenz IV. heiliggesprochen (dabei handelt es sich übrigens um die schnellste Heiligsprechung der Geschichte). Zunächst war er in der Basilika San Simpliciano im Norden Mailands aufgebahrt worden - die Nachricht von seiner Ermordung hat sich so schnell verbreitet, dass es zu einem Volksauflauf kam, der es unmöglich machte, Petrus direkt nach Mailand zu bringen. Seinen endgültigen Ruheplatz erhielt er in der Basilika Sant’Eustorgio in einem prunkvollem Hochgrab. Seine Geschichte wurde in die damals weit verbreitete und beliebte Legenda Aurea  (geschrieben 1263-73) aufgenommen, wo vom "neuen Martyrer" die Rede ist und von fünf Wundern nach seinem Tod berichtet wird (die Albigenser werden in dieser Schrift übrigens als "Arianer" bezeichnet, ein Begriff, den auch Bernhard von Clairvaux gebrauchte). Es wird spekuliert, ob der Autor, der Dominikaner Jacobus von Voragine, ihn sogar persönlich kannte. Auf jeden Fall trug dies immens zu seiner Bekanntheit bei.

Sein traditioneller Gedenktag war der 6. April, der Tag, an dem Petrus ermordet wurde. Später wurde er auf den 29. April verschoben, um nicht in die Osteroktav zu fallen. Am Sonntag um diesen Tag findet auch in Mailand die Prozession mit seinen Reliquien statt. Noch heute sind an seinem Schädel neben der Hiebwunde auch der Bart und die Tonsur vorhanden. Nach dem Liturgiereformen nach dem II. Vatikanischen Konzil wurde sein liturgisches Andenken als nicht nichtgebotener Gedenktag eingestuft. Das verwundert bei der Tatsache, dass bis Ende des 14. Jahrhunderts Petrus Martyr neben dem Heiligen Dominikus und Thomas von Aquin als einzige Heilige des Dominikanerordens galten.

Eine besondere Sakramentalie kann übrigens an seinem Gedenktag geweiht werden:
Die Sankt Petrus Martyr Palmzweige.



Im Übrigen wird er auch gegen Kopfschmerzen angerufen.
Aber das dürfte wohl selbsterklärend sein.


Gewähre, so bitten wir, allmächtiger Gott, dass wir dem Glauben Deines heiligen Martyrers Petrus, der zur Verbreitung eben dieses Glaubens die Palme des Martyriums zu erlangen verdient hat, mit angemessener Andacht folgen. Durch unseren Herrn. 
Oratio zum Gedenktag des Petrus Martyr am 29. April


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